Neil Young
23.08.2005

Neil Young – Eine Biographie

Autor/en: Edo Reents

Edo Reents dokumentiert Leben und Werk Neil Youngs und ist „ready for the country“

von Eckhard Fürlus

Rechtzeitig zu Neil Youngs 60. Geburtstag am 12. November 2005 ist eine umfassende Biographie über den amerikanischen Musiker – Singer/Songwriter wäre nun wirklich verkürzt – und für immer jungen Altmeister des Rock fertig geworden. Geschrieben hat sie Edo Reents, gewissermaßen der Rockmusik-Beauftragte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, und herausgekommen ist dabei ein 304 Seiten starkes Buch, das dennoch ein paar Wünsche offen läßt.

Um es gleich vorweg zu nehmen: wäre das Buch durchgängig von der Güte wie die Ehrerbietung, die Edo Reents Neil Young aus Anlaß von dessen 60. Geburtstag im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12. November dieses Jahres erweist, so gäbe es wohl keinen Grund, irgend etwas zu bemängeln, doch das Buch wäre dann kaum so umfangreich geraten. Und so liest sich denn die Geburtstagseloge auf den „Dinosaurier“ in der FAZ wie die Quintessenz der jüngst bei Rowohlt Berlin erschienenen Biographie.

Was erfahren wir nicht alles in und aus diesem Buch: wie der Name der Band „Buffalo Springfield“ entstanden ist (S. 33), der Band, mit der Neil Young und sein counterpart Stephen Stills von 1967 bis 1969 vier Langspielplatten lang erste Musikerfolge feiern konnten. Woran vergleichbare Gruppen wie die Byrds und die Doors letztendlich auseinandergebrochen sind, erfährt der Leser auf Seite 35, und eine Seite weiter liest man, was Buffalo Springfield im Vergleich mit den Rolling Stones auszeichnete. Das ist alles sehr gut bemerkt, und wirklich wohl geraten ist Edo Reents die Beschreibung der Songs auf dem zweiten Album, Buffalo Springfield Again, von 1966/67, nachzulesen auf den Seiten 46 f.

„Inzwischen hat die Musik via Radio und MTV die vollständige Kontrolle über unser Leben errungen.“
Neil Young

Die von Reents verfaßte Lebensbeschreibung quillt über vor Detail- und Faktenwissen. Daß Reprise Records, die Unterabteilung von Warner Records, von Frank Sinatra gegründet wurde, lesen wir auf Seite 51. Über Erst- und Zweitpressung des ersten Soloalbums Neil Youngs erfährt der Leser auf den Seiten 54 und 55. Neil Youngs Stimme und sein Gitarrenspiel zu dieser Zeit sind Themen der Seiten 57 und 61. Nachlesen kann man in diesem Buch auch die Äußerungen Youngs über die CD als Tonträger oder das, was er einst über den Musiksender MTV gesagt hat, und wie verheerend sich die Kombination von Film und Ton – das Musikvideo – auf das Musikhören auswirken. Von Edo Reents’ feiner Beobachtung zeugt ein Passus über die damalige US-amerikanische Supergroup „Crosby, Stills & Nash“, kurz CSN. Reents schreibt:

„Crosby, Stills & Nash haftete von Anfang an etwas Künstliches, Konstruiertes an in einer Zeit, in der sich einige der bis dahin wichtigsten Bands aufzulösen begannen, allen voran die Beatles. Auch bei den Byrds hatte es mehrere Umbesetzungen gegeben, sie taumelten, von Roger McGuinn dirigiert, ihrem Ende entgegen; Jefferson Airplane hatten 1970 das Beste bereits hinter sich, sie nannten sich bald Jefferson Starship; Blind Faith, diese britische Supergruppe mit Steve Winwood, Eric Clapton, Ginger Baker und Rick Grech, lösten sich schon nach einer Platte und einer Tournee wieder auf. Als zeitgleich die Epoche von Solo-Superstars wie Elton John, Rod Stewart, Van Morrison, Randy Newman und James Taylor anbrach, verkörperten Crosby, Stills, Nash (& Young) noch einmal etwas Exemplarisches: den finanziell unabhängigen, immer noch bewunderungswürdigen Rock-’n’-Roll-Clan, in den eine Generation, die Woodstock als ihr Manifest ansah, alles Mögliche hineinprojizierte; aber es war von Anfang an ein labiles Konstrukt, ein kalifornischer Traum von Sonne, Liebe und Frieden, so süßlich wie meistens ihre Musik, mit einer Dosis kritischen Bewusstseins. Es war ein Luxusprodukt, dem die Dekadenz so stark eingeschrieben war, dass jede mögliche Haltung, welche die Musiker für sich beanspruchen mochten, nur wie eine verwöhnte, mürbe Pose wirkte. Die Seifenblase war leicht zum Platzen zu bringen. Es gab bei dieser Gruppe brillante Momente, aber keinen gebündelten Musizier- oder gar Durchhaltewillen, der für ein breites Werkfundament hätte sorgen können. Dazu waren auch ihre Songwriterqualitäten zu unterschiedlich.“ – Chapeau! – Hier schreibt jemand mit der Gnade der späten Geburt im Tornister – Reents ist Jahrgang 1965 –, was er eigentlich nur erahnen, aber nicht wirklich wissen kann.

Bedenklich sind Sätze wie „... und die Stones sollten keineswegs die Einzigen bleiben, die sich mit dem Teufel einließen“ (S. 72) oder schmückende Beiworte wie „monochrome Schwermut“ für das Neil Young Album „After The Goldrush“ (S. 86). Inakzeptabel wird es, wenn Reents die guten Vorsätze fahren läßt, vollends journalistisch wird und auf Bild-Zeitungs-Niveau zu kolportieren beginnt: „Am liebsten wollte er [Neil Young] jetzt wieder mit Crazy Horse zusammenspielen. Aber Danny Whitten war tot. Dafür hatte der Leader ein neues Bandmitglied gefunden: Jose Cuervo. So hieß der Tequila, den er noch eine Zeit lang in sich hineinschütten sollte.“ (S. 121 f.)

„Wir sind enge Freunde, aber er war der erste, ohne ihn würde ich nicht hier sitzen. Sicher bin ich da und dort in Gebiete vorgedrungen, die er noch nicht betreten hatte, doch seine Verdienste übertreffen mein Lebenswerk bei weitem.“
Neil Young über Bob Dylan

An dem Album Harvest, für den Biographen das Opus magnum des Meisters, hat Edo Reents sich ordentlich abgearbeitet: „Wer sich nicht sonderlich für Neil Young interessiert, kennt meistens nur dieses eine Album. Leute, die das ganze Werk kennen, neigen dazu, sich über dessen Schönheit und Gefälligkeit lustig zu machen. Und diejenigen, denen nur der un- oder antikommerzielle Neil Young etwas gilt und die vor dem Begriff 'Superstar' geradezu Angst haben, hauen 'Harvest' einfach in die Pfanne, ohne daß erkennbar wird, welche Maßstäbe sie dabei anlegen.“ (S. 106) Reents: „Die Qualität eines Opus magnum bemißt sich nicht immer an seiner Perfektion, und wenn die große Masse damit erreicht wird, mindert das nicht allein schon seinen Wert; sie bemißt sich durchaus an Rezeptionsvorgängen, die mit Emotionen zu tun haben und damit, daß die Leute merken, wenn jemand das Richtige zur rechten Zeit tut. Und Aufgabe eines Kritikers ist es, auch das Abgegriffene und scheinbar schon Durchdiskutierte in seiner Bedeutung zu erkennen und sichtbar zu machen. Die Abneigung gegen das Klassisch-Kanonisierte ist selbst Konformismus, der sich unter umgekehrtem Vorzeichen Bahn bricht.“ (S. 107)

Daß Karl Bruckmaier für den Neil-Young-Biographen Edo Reents eine Autorität ist, die zur Untermauerung seiner eigener Thesen gleich mehrfach herbeizitiert wird, ist bedauerlich und bei Lichte besehen nicht nötig. Ebenso überflüssig sind auch die von Reents gern zitierten Plazierungen der Neil Young Alben in den Umfragen des unsäglichen Rockisten-Magazins „Rolling Stone“.

Die in diesem Buch zahlreichen Zugeständnisse an die „neue Rechtschreibung“ sind gewiß der Politik des Hauses Rowohlt geschuldet, doch hier schreibt der Feuilleton-Redakteur einer Zeitung, die sich in weit höherem Maße und viel früher als alle anderen Periodika und Nachrichtenmagazine für die Beibehaltung der bewährten Rechtschreibung eingesetzt hat. Doch man hätte dem Buch einen besseren oder gar überhaupt einen Lektor gewünscht bei fehlerhaften Passagen wie: „Das ist schon am Cover zu sehen, das aus rauer, beiger Pappe gefertigt ist, vorne eine tieforange Sonne, ...“ (S. 105) oder „'Tonight’s The Night', dieses tiefschwarze, übernächtigte Werk, ...“ (S. 129).

Edo Reents hat den schwierigen Versuch unternommen, Leben und Werk eines wirklichen Ausnahme-Musikers zu beschreiben, zu dokumentieren und zu analysieren und die negativen Aspekte wie die latente Frauenfeindlichkeit und Ichbezogenheit Youngs nicht zu verschweigen. „Neil Young – Eine Biographie“ ist die verdienstvolle Würdigung eines Künstlers, der es sich und seinem Publikum nie leicht gemacht hat und der in vielerlei Hinsicht – nicht nur, was das Kapitel Nirvana und Grunge betrifft – sich so viel weiter hinausgewagt hat als all die vielen anderen.