Eberhard Rathgeb
10.09.2005

Die engagierte Nation – Deutsche Debatten 1945-2005

Autor/en: Eberhard Rathgeb

Eberhard Rathgeb dokumentiert sechzig Jahre deutsche Politik.

von Eckhard Fürlus

Dieses Buch ist ein Glücksfall. Es dokumentiert auf knapp 450 Seiten die brisanten und noch in der Nachlese höchst spannenden Auseinandersetzungen von sechs Jahrzehnten deutscher Politik, eingebettet in den historischen Kontext. Wo es notwendig ist, werden auch internationale Zusammenhänge kurz dargestellt. Alle wichtigen und engagierten Protagonisten – zumeist sind dies Intellektuelle, aber auch einige Politiker sind darunter – kommen in diesem Buch selbst zu Wort.

Was hält es nicht alles bereit? Fünf Kapitel gliedern dieses Buch in „Gericht und Gewissen 1945-1956“, „Politik und Verbrechen 1957-1966“, „Kritik und Kampf 1967-1977“, „Natur und Frieden 1978-1989“ sowie „Krieg und Würde 1989-2005“. Ein Vorwort und ein Anhang mit Text- und Bildnachweisen und einem Sachregister vervollständigen dieses Florilegium, das so viel mehr ist als nur ein Lesebuch und ein Nachschlagewerk.

Im Kapitel I. lesen wir Carlo Schmids Reflexionen über „Vaterländische Verantwortung“ von 1945. Aus dem selben Jahr datiert der Aufsatz von Thomas Mann, in dem er darlegt, „Warum ich nicht nach Deutschland zurückgehe“. Elf Jahr später schreibt Karl Jaspers über „Die Atombombe und die Zukunft des Menschen“. Dazwischen liegen die „Konsequenzen deutscher Politik“ von Kurt Schumacher, die „Grundsatzrede“ von Konrad Adenauer, der „Verlust der Mitte“ von Hans Sedlmayr und etliche andere Schriften wie Eugen Kogons Aufsatz „Gericht und Gewissen“, dem die Frage vorangestellt ist: „Was hat der Deutsche von den Konzentrationslagern gewußt?“ Und dies ist erst der Auftakt.

Helmut Schelsky, Arnold Gehlen, Theodor W. Adorno, Ulrike Meinhof, Ralf Dahrendorf, Hannah Arendt und Hans Magnus Enzensberger sind nur einige Autoren des zweiten Kapitels, und es sprengte den Rahmen dieser Besprechung, wollte man alle Namen und alle Aufsätze nennen, verdiente doch jeder einzelne Text in Erinnerung gerufen zu werden. Der Philosoph Ernst Bloch spricht über die Auswirkungen der Beendigung des Prager Frühlings durch die sowjetischen Truppen. Karl Markus Michels Klage über „Die sprachlose Intelligenz“ von 1968 leitet über in den „objektiv-realen Nebel“ (Bloch) bzw. in den „Verblendungszusammenhang“ (Adorno) von Kaufhausbrandstiftung und Gefangenenbefreiung der Jahre 1968 bis 1970. Wer erinnert sich noch an „Bruder Baader“ von Fritz J. Raddatz? Oder an Helmut Schmidts Rede in der Antiterror-Debatte von 1975? Nicht fehlen dürfen natürlich Botho Strauß’ „Anschwellender Bocksgesang“, dessen Veröffentlichung in der Zeitschrift „Der Spiegel“ nun immerhin schon 12 Jahre zurück liegt, die Rede zur Wehrmachtsausstellung von Otto Schily von 1997 und Joschka Fischers Rede zum Nato-Einsatz im Kosovo aus dem letzten Jahr des vergangenen Jahrhunderts.

In seinem Vorwort macht Eberhard Rathgeb deutlich, wie die Rahmenbedingungen der deutschen Streitkultur verändert haben: „Die Zeitumstände und die persönlichen Biographien brachten es damals mit sich, daß die Wortmeldungen ein enormes Gewicht hatten. Die Welt war in zwei ideologische Blöcke geteilt, die verfeindet waren und sich bis an die Zähne bewaffnet gegenüberlagen, um gegebenenfalls die andere Seite zu vernichten. Das konnte nur den Blinden und Tauben gleichgültig lassen. Die Debattierenden standen aber auch im langen Schatten des Hitler-Regimes. Jede Wortmeldung, jede heftige Diskussion mußte als ein Beweis für eine funktionierende Demokratie gesehen werden. Es gab den ethnischen und politischen Impetus, daß in Deutschland nicht mehr geschwiegen werden sollte wie in den zwölf Jahren der Diktatur. Am verbalen Schlagabtausch ließ sich ablesen, daß die Deutschen in das demokratische Prozedere mit Engagement hineinfanden. Sie stritten um Mehrheiten für Vorstellungen über ihr Land in einer in West und Ost, Kapitalismus und Sozialismus zweigeteilten Welt. Rasch gewannen dadurch die Protagonisten der zahlreichen deutschen Debatten an Profil. Das ist heute anders, weil die scharfen ideologischen Fronten in den öffentlichen Debatten eingeebnet sind. Wir leben offensichtlich in einer Welt – der beschworene Kampf der Kulturen wird nicht ideologisch, sondern vor allem strategisch geführt.“

Das vorliegende Buch ist ein Buch über die Intellektuellen und die intellektuelle Debatte in Deutschland von 1945 bis 2005. Die von dem Herausgeber Eberhard Rathgeb gewählte chronologische Darstellung der Debatten vermittelt dem Leser ein weit höheres Maß an Zeitstimmung, als dies eine thematische Darstellung vermocht hätte. Um zu verstehen und nachzuvollziehen, wo und auf welchem Wege Deutschland in der intellektuellen und politischen Debatte heute angelangt ist, ist es dieses Buch unentbehrlich. Ich wiederhole mich nur zu gern: Dieses Buch ist ein Glücksfall.