Circle
06.07.2001

Mush Records

von Christian Meyer

Die LP - Ende letzten Jahres von der New York Times zu einer von 10 wichtigsten übersehenen Platten des Jahres gewählt - heißt Circle.

Da bekommt man als Freund merkwürdigen Hip Hops im Laden eine Platte in die Hand gedrückt, bei der man sich dreimal überlegt, ob man diese Musik zwischen Geräuschcollage, Breakbeats, Spoken Poetrie und Rap jenseits von Macho- und Ego-Lyrics noch Hip Hop nennen soll (am vorläufigen Ende der Überlegungen dann aber doch nichts dagegen spricht), mit einem Cover, das deutlichst an das Artwork des legendären Free-Jazz Labels ESP erinnert (bei dem man zweimal überlegt, ob man es Free Jazz-Label nennt, denn schließlich wurden dort auch experimentelle Rock und Pop Platten veröffentlicht).

Die LP - Ende letzten Jahres von der New York Times zu einer von 10 wichtigsten übersehenen Platten des Jahres gewählt - heißt Circle, ist von Boom Bip & Dose One und auf dem US-Amerikanischen Hip Hop-Label Mush erschienen (bei dem man zweimal überlegt, ob man es Hip Hop-Label nennt, denn schließlich werden dort auch experimentelle Rock und Pop Platten veröffentlicht). Mush, erfährt man nach kurzen Nachforschungen, ist eines von zwei unter dem Firmennamen Dirtyloop zusammengefassten Labels (Three to Five, das zweite Label, veröffentlicht House zwischen Tech, Deep und Disco). Wenn man daraufhin die Mush-Compilation Ropeladder12 durchforstet, bekommt man zwar einen Überblick über die Veröffentlichungen des Labels, ein Verstehen dieser Mischung aus avantgardistischem Hip Hop und Downbeat-Experimenten auch in Indie-Rock Nähe ist jedoch noch in weiter Ferne. Ein guter Grund, um bei Dirtyloop-Gründer Robert Curcio nachzufragen, wie, warum und vor allem wo solch musikalisch wunderlichen Dinge passieren.

Christian Meyer: Wie sieht der geographische und soziale Background der Labelbetreiber und der Künstler aus?

Robert Curcio: Unsere soziale und ethnische Herkunft ist so unterschiedlich wie sie nur sein kann. Mush wird von einer Gruppe Individualisten betrieben, die quer über die USA verstreut sind. Im Sommer werden wir unser Hauptbüro aber nach L.A. verlegen und dort bis zum Ende des Jahres die meisten Beschäftigten versammeln. Bei den Künstlern sieht es ähnlich aus: Wir haben über 30 Künstler auf unserem Label, die aus New York, San Francisco, Los Angeles, Baltimore, Maine, Chicago, Minneapolis, Cincinnati und Tokyo kommen. Wir respektieren alle unsere Künstler für ihre Individualität und ihr Talent.

Christian Meyer: Was war der Hauptgrund, Mush (bzw. Dirtyloop) zu gründen: Habt ihr eine Lücke in der Musikproduktion gesehen, die es zu füllen galt, war es Unzufriedenheit mit der Veröffentlichungspolitik anderer Label - besonders im Hip Hop oder war der Anstoß eine bestimmte Platte, die ihr unbedingt rausbringen wolltet?

Robert Curcio: Ende 1997 hatte ich ein kleines Studio und habe die ersten Produzenten für Mush (Boom Bip, DJ Osiris, Lulu Mushi) bei Studiosessions kennengelernt. Eines Tages haben Lulu Mushi und ich darüber gesprochen, wie wir unsere Musik veröffentlichen könnten und entschieden uns, ein eigenes Label zu gründen. Mush wuchs dann schnell von einem Label, das 3 Veröffentlichungen und einen Vertrieb im ersten Jahr hatte, zu dem was es heute ist: Für 2001 sind über 30 Veröffentlichungen geplant. Und allein in den USA haben wird inzwischen 15 Vertriebe, die wiederum für den Export in die großen Musikmärkte der Welt sorgen.

Christian Meyer: Wie sieht eure Veröffentlichungspolitik aus und - falls Du das verraten kannst - was sind eure ökonomischen Strategien?

Robert Curcio: Wir veröffentlichen Musik, die wir lieben, unabhängig vom Genre. Unsere Platten gibt es deshalb hauptsächlich in Läden, die sich auf verschiedene Genres spezialisiert haben.
Unsere Strategie: Wir verkaufen an so viele Vertriebe wie möglich und versuchen Lizenzen außerhalb der USA zu verkaufen. Außerdem arbeiten wir daran, möglichst viele Artikel und Reviews über unsere Künstler zu bekommen. (Tja, so schnell ist man Teil einer Marketingstrategie, Anm.d.A.) Dann lassen wir die Musik für sich sprechen!

Christian Meyer: Wie sieht euer Verhältnis zu DER Hip Hop-Community aus (um mal an diesem Mythos kräftig mitzustricken). Mush scheint ja ungewöhnlicher Weise auch eine deutliche Nähe zu Independent-Rock zu haben?

Robert Curcio: Obwohl einige Mush-Releases qualitätvoller Abstract Hip Hop sind, sind wir nicht wirklich ein Hip Hop-Label. Unsere Bandbreite reicht vom besten Abstract Hip Hop, über Dancefloor Jazz und Independent Rock zu Latin angehauchten Grooves. Gerade haben wir sogar einen Drum'n'Bass-Act für eine Reihe von EP‘s gesignt. Doch auch wenn wir in den verschiedensten Genres veröffentlichen, achten wir darauf, dass man überall etwas findet, was den gesamten Mush-Katalog kohärent hält: Qualität in der Musik, bei den Vocals und im Artwork.

Christian Meyer: Wie sieht euer Verhältnis zu dem anderen boomenden Ausnahme-Label "Anticon" aus? Ihr habt ja einige Gemeinsamkeiten, was die musikalische Offenheit, einige Künstler und die Außenseiterrolle im Hip-Hop betrifft.

Robert Curcio: Wir sind riesige Fans von Abstract Hip Hop und Anticon ist die beste Abstract-Hip-Hop-Crew der USA. Wir arbeiten mit ihren Künstlern, wenn es sinnvoll ist und sich die Möglichkeit ergibt. Bislang sind haben "Circle" von "Boom Bip" und "Dose One" veröffentlicht. Dann sind da noch Releases der "So Called Artists" (Sole, Alias, DJ Mayonnaise) im Programm. Jel und The Pedestrian sind für 2001 geplant. Dose One macht etwas A&R für Anticon- und Mush-Künstler. So hat er zum Beispiel Mush mit "Radioinactive" aus LA, "Aesop Rock" aus New York und "Labtekwon" aus Baltimore zusammengebracht.

Christian Meyer: Wie sieht die Zukunft von Mush aus?

Robert Curcio: Wie ich schon sagte, ziehen wir nach einem kalten Winter diesen Sommer von Chicago nach LA. Wir hatten unser Büro in beinahe jeder Metropole, jetzt wollen wir an einem Ort bleiben. Weil wir jetzt immer größer werden, wird das sonst zu anstrengend. Für die Leute wird es auch einfacher, uns zu finden. Und: es ist hübsch und warm hier.



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