Blumfeld
10.10.2001

Resignation, Baby

von Eckhard Fürlus

Blumfeld: Testament der Angst

Das Dekolleté der neunziger Jahre, hat Wolfgang Joop gesagt, ist der Bauchnabel. Das Dekolleté der jüngsten Blumfeld-Scheibe ist ein Stück von Hanns Dieter Hüsch. Es heißt ‘Abendlied’ und ist der letzte der insgesamt neun Songs der CD ‘Testament der Angst’.

Der wahre Weltuntergang ist die Vernichtung des Geistes,
der andere hängt von dem gleichgültigen Versuch ab,
ob nach Vernichtung des Geistes noch eine Welt bestehen kann.
Karl Kraus

Wie wenige andere Bands zuvor haben sich Blumfeld auf dieser CD die Blöße gegeben. Auf sämtlichen Stücken vermittelt Jochen Distelmeyer, ganz boy without filter, den Eindruck, hier spräche einer eins zu eins zu seinen Hörern. Daß die Band auf eine von Hüschs Kompositionen zurückgreift, mag zunächst überraschen. Seit wenigstens 20 Jahren wurde und wird Hüsch in der linken Szene als persona non grata gehandelt. Anlässlich seines 60. Geburtstages hatte das Satiremagazin titanic ihn, Hüsch, in die Rubrik ‘Erledigte Fälle’ aufgenommen. Doch es gehört zur Strategie der Gruppe Blumfeld, unterschwellige der-darf-weitermachen-und-der-nicht-Urteile, zu durchbrechen. So spielt Jochen Distelmeyer dieses ‘Abendlied’ nicht als Adaption, sondern in der Version von Hanns Dieter Hüsch, und nur eine Orgel begleitet seinen Sprechgesang.

In den vergangenen zehn Jahren haben Blumfeld gerade mal vier Alben vorgelegt; nach einer langen Pause folgte auf ‘Ich-Maschine’ und ‘L'État Et Moi’ im Januar 1999 die von der Kritik euphorisch gefeierte CD ‘Old Nobody’, die auf die bis dahin noch überschaubare Blumfeld-Fangemeinde wie ein Abschied aus der Independent-Szene wirkte. Nun hat Jochen Distelmeyer aber stets betont, daß sich die Band Blumfeld immer mehr dem Pop, nicht dem Independentbereich zugerechnet habe. Auf ‘Old Nobody’ sei der Einfluß der Pet Shop Boys unüberhörbar; über diese CD konnte Distelmeyer noch sagen, daß sie sich genauso wie ihre Vorgänger anfühlt, aber anders anhört.

Am 17. Mai dieses Jahres wurde das neue Album einem handverlesenen Publikum im kleinen Sendesaal des NDR-Funkhauses in Hannover vorgestellt. In Interviews ist Jochen Distelmeyer gefragt worden, ob er während der Arbeit an der neuen CD viel von Heidegger gelesen habe. Schopenhauer klingt durch die Zeilen, in denen es heißt ‘wir kommen ungefragt und gehen ungefragt’; andere Textpassagen auf ‘Testament der Angst’ erinnern an Karl Kraus und seinen Satz von dem frei gewordenen Wort. Für das Blumfeld Dechiffrier Syndikat, das sich längst etabliert hatte, um die Songtexte Distelmeyers, ein Patchwork aus Gedankensplittern und verwendeten Zitaten, akribisch auf ihre Herkunft abzuklopfen, mag dieses Album eine Enttäuschung sein. In diesen Songs nach Zitaten zu suchen erscheint müßig, wo doch Fragmente von Blumfeld-Texten längst Eingang gefunden haben in die Lyrik z. B. eines Durs Grünbein.

Bis auf wenige Ausnahmen Liebesliedern wie ‘Weil es Liebe ist’ und ‘Wellen der Liebe’ liegt über den neuen Songs ein Gemisch aus Desillusion und Resignation wie ‘Graue Wolken’ über der Stadt Hamburg, doch kombiniert mit der Musik dieser Band sind sie ein Grund dafür, daß man sich auch im Herbst 2001 auf kaum ein anderes Konzert freuen kann wie auf das von Blumfeld.