Roots Manuva
11.10.2001

Roots Manuva

von Christian Meyer

Madman im Audio-Zirkus!
(hallo Berlin: oder: Madman in the Audio-Circus?? Cooler?)

Ich erinnere mich, wie sie darüber gesprochen haben, wie man Musik aus Fehlern macht, sich von den Regeln befreit. Das ist ein interessanter Aspekt beim Musik machen.

Roots Manuva hat 1999 mit seinem Debut-Album 'Brand New Second Hand’ nicht nur das Ninja Tune Sublabel Big Dada groß auf der Hip Hop-Landkarte markiert, sondern auch UK-Hip Hop wieder in’s Gespräch gebracht. Der war nach dem Ende von typisch britischen Fusionen von Shut Up And Dance (Hip Hop plus Breakbeat-Rave) oder der London Posse (Hip Hop plus Ragga) und zunehmend langweiligem Hardcore ziemlich lange in Vergessenheit geraten – die zeitgleich einsetzende Rawkus-Hysterie auf der anderen Seite des Atlantiks tat ihr Übriges... In der Nachfolge von Manuva erschienen, allerdings weniger von der Presse beachtet, auf Big Dada weitere expanding Hip Hop Platten von New Flesh For Old oder Gamma, die Manuva an Eigenart nicht nachstanden, aber einen deutlich schärferen, von elektronischem Noise begleiteten Ton anschlugen. Nach Guest-Appereances bei Non-Hip Hop-Acts wie Leftfield, Mr. Scruff oder Herbalizer, die Manuvas open mindness unterstrichen, meldet er sich jetzt mit seinem zweiten Album zurück und kann seinen roughen Labelmates einiges entgegensetzen. Er hat allerdings auch weiterhin seine typische, vom Reggae geprägte Gelassenheit im Gepäck. Die Verbindung zum Reggae, die durch tiefe Bässe und teilweise eingestreutes Toasting präsent ist, ist ein erstes Indiz für den Herkunftsort London. In der Kombination mit Einflüssen von elektronischer Musik wird man noch deutlicher an diesen Ort der vielen Stilkreuzungen verwiesen.

Christian Meyer: Die Vermischung von Musikstilen scheint besonders typisch für England bzw. London zu sein. So sind schließlich Dinge wie Drum 'n' Bass, Trip Hop oder 2Step entstanden.

Roots Manuva: Auf jeden Fall. In Bezug auf Hip Hop sieht das so aus: In den USA sind die Leute stark durch Funk beeinflusst, in England lieben die meisten Hip Hopper Reggae genauso wie Hip Hop.

Christian Meyer: Da verwundert es nicht, dass er sich einen alten Helden des britischen Hip Hop-Reggaes, Rodney P. von der London Posse, als Gast-MC auf sein Album holt. Woher aber kommen die Einflüsse für so ein Stück wie 'Witness(one hope)', die erste Singleauskopplung, das mit massiven elektronischen Sounds aufwartet?

Roots Manuva: Ich höre ein bisschen elektronische Musik, z.B. Aphex Twin , Neotropic, andere Sachen auf Ninja Tune, und anderes, wo ich den Namen vergessen habe. Ich habe immer schon alle mögliche merkwürdige Musik gehört. Die Leute, die mich dazu gebracht haben, mit Synthesizern und Samplern zu arbeiten waren Art of Noise. Ich erinnere mich, wie sie darüber gesprochen haben, wie man Musik aus Fehlern macht, sich von den Regeln befreit. Das ist ein interessanter Aspekt beim Musik machen.

Christian Meyer: Hast Du bei all der Experimentierfreude keine Probleme mit dem Publikum? Experimenteller Hip Hop ist ja nicht gerade ein Kassenschlager, wenn ich an die Besucherzahlen der letzten Konzerte denke!

Roots Manuva: Nein, in der Regel nicht. Wir kommen, um zu unterhalten, und je nachdem kannst Du die Musik ignorieren: just watch the Madman, the strange guy, the audio circus! Aber so viel wired stuff da ist, so sehr mache ich auch simpleres Zeug, um die Balance zu halten. There are awful safe tracks!

Christian Meyer: Das letzte Album hörte mit einem String-track auf, das aktuelle startet mit einem ähnlichen Intro. So hat man zunächst das Gefühl, dass Run Come Save Me die Konsequente Fortführung des Debuts ist. Aber ist das wirklich so, gibt es da nicht einige entscheidende Unterschiede zwischen den beiden Platten?

Roots Manuva: Ich hatte jetzt mehr Zeit, mich dahingehend zu entwickeln, mich nicht zu sehr davon beeinflussen zu lassen, was für das In-Ding gehalten wird oder was die 'korrekte' Interpretation von dieser verrückten Sache ist, die wir Hip Hop nennen. Ich war freier und weniger im Kampf mit der Welt. Auf der technischen Seite habe ich mir ein kleines Heimstudio, nein, kein richtiges Studio, eher eine kleine Homeproduction Suite, zusammengestellt. Vorher hatte ich einen Atari-PC mit 1 MB Speicherplatz, jetzt habe ich einen G4 mit 85 Gigabyte, viele Programme, ich kann jetzt Vocals und Instrumente zuhause aufnehmen.

Christian Meyer: Du spielst herkömmliche Instrumente?

Roots Manuva: Ich würde nicht sagen, dass ich sie spiele, ich produziere Sounds mit ihnen: Gitarre, Bass, Spielzeug-Trompete... alles, womit man interessante Geräusche erzeugen kann.

Christian Meyer: Mann könnte vermuten, daß die Arbeit an dem neuen Album wegen des großen Erwartungsdrucks nach dem ersten, in der Presse sehr positiv aufgenommenem Album problematisch war. Nach so einem Erfolg wie bei seinem Debut möchte man auf keinen Fall enttäuschen... besser, man setzt noch einen drauf, um die hochgeschraubten Erwartungen zu erfüllen. Das führt dann in der Tat dazu, dass die neue Platte wilder und gehetzter klingt. Zumindst zu beginn von Run Come Save Me wartet Manuva heftig mit vielen düsteren elektronischen Sounds und komplexen Beats auf. Weil das so besonders exponiert an den Anfang gestellt ist und offensichtlich eine Herausforderung für den durchschnittlichen Hip Hop-Fan sein wird, kann man vermuten, dass das signalisieren soll: hier kommt ein neuer Style, da musst du durch, da musst Du mit arbeiten.

Roots Manuva: (lacht) Das war nicht meine Idee, es fühlte sich einfach richtig an. Das letzte Album fing ziemlich understated an. Jetzt komme ich zurück mit Noise. Aber es gab tatsächlich einen großen Druck. Nach dem ersten Album wollte ich zuerst eigentlich gar nichts mehr, zumindest nicht als Roots Manuva, produzieren. Ich wollte nicht mehr Musiker, sondern lieber wieder Mensch sein. Zeit haben, die grundlegenden Dinge des Lebens zu genießen: einkaufen, waschen, mal aufräumen, wieder selber kochen, anstatt immer Fast-Food zu essen.

Christian Meyer: Aber es gibt ein neues Album, also gab es da doch noch das Bedürfnis, sich musikalisch auszudrücken!

Roots Manuva: Ja, ich habe ein großes Bedürfnis, kreativ zu sein. Nicht nur mit Musik, ich probiere auch andere Dinge aus: mache merkwürdige Bilder, Computerkunst, filme mit meiner neuen Digitalkamera alles mögliche und schneide kleine Filme zusammen.

Christian Meyer: Das ist eine nicht geringe Bandbreite, die einen Fragen lässt, als was wir wohl in der Zukunft von ihm hören werden.

Roots Manuva: Ich brauche erst eine Reaktion, um zu wissen, was ich danach tun werde. Ich glaube aber nicht, das es in nächster Zeit noch ein Roots Manuva Album geben wird. Ich werde andere Dinge machen: mit anderen Leuten Zusammenarbeiten, Produzieren, es ist aber noch nichts konkretes geplant. Ich habe aber einige gute, noch vage Ideen.

Christian Meyer: Hört sich alles danach an, als sei das MCing nicht gerade das wichtigste im Leben von Roots Manuva.

Roots Manuva: Ich rede über alles mögliche, die Basisstruktur meiner Texte ist ziemlich zufällig. Meist sind meine Texte nur wahllos Wortspiele. Es gibt ein oder zwei Stücke mit linearen Erzählungen: eine über eine Beziehung, eine über das Aufwachsen in der Kirche, aber im Allgemeinen mische ich Erlebtes mit Fantasie und verbalen Tricks. Vor allem würde ich aber gerne meine musikalischen Ideen und träume ausdrücken. Ich würde gerne einen Track machen, auf dem nicht meine Stimme zu hören ist, der aber trotzdem meine Richtung hat. Ich würde gerne die Stimmen arrangieren, wie ein Dirigent bei einem Orchester, nur eben nicht für Streicher, sondern für MC’s... und für die Sounds, die man verwendet, um die rhythmische und melodische Struktur zu Erschaffen.