Carsten Jost
10.11.2001

Carsten Jost

von Christian Meyer

Scharfer Wind oder kühle Brise ?

Carsten Jost (Projektname!) aka Dave (Privatperson!) balanciert mit seinem Album 'You Dont Need A Weatherman To Know Which Way The Wind Blows' zwischen düster-elegantem Clubsound und politisch-revolutionärem Anliegen. Ob Widerstand in Clubkultur ein Widerspruch ist, beantwortet er im O-Ton.

"Gleichzeitig implizieren die Tracks meine ganz persönliche Reflexion einer bedrohlichen Welt mit global düstersten Auswirkungen, [...]"

Christian Meyer: Ich würde Deine CD als sehr durchdacht, elegant, aber im Sound und Aufbau der Tracks auch leicht gruselig klingend bezeichnen. Das hört sich nicht unbedingt nach dem berüchtigten Hamburger Nieselregen, sondern viel eher nach dem Suspense von Hitchcock an! Mit Party-Fun hat das reichlich wenig zu tun. Ist das Dein Konzept, im Zusammenhang mit den Booklet-Fotografien von Anti-Globalismus-Randale auch musikalisch eine klare Anti-Hedonistische-Haltung einzunehmen?

Dave: Die Musik, die sich auf meinem Album befindet, ist in einem Zeitraum von drei Jahren entstanden. In dieser Zeit ist sehr viel passiert mit mir, meiner Sicht auf viele Dinge, die Wahrnehmung bestimmter politischer Ereignisse usw. Was mich an Musik immer interessiert hat, ist die Fähigkeit, eine bestimmte Stimmung zu erzeugen. Dabei interessieren mich besonders abseitige, Unruhe stiftende und kämpferische Stimmungen. Gleichzeitig implizieren die Tracks meine ganz persönliche Reflexion einer bedrohlichen Welt mit global düstersten Auswirkungen, die uns täglich konfrontieren.

Christian Meyer: Passt denn die Musik Deiner Meinung nach zu den Ideen des Coverartworks? Man könnte ja kritisieren, die Musik sei viel zu elegant für die Themen der Fotografien (andererseits wäre der Horror der Bilder ja auch im Grusel des Sounds auszumachen und damit vielleicht Konzept?). Oder läuft das einfach nebeneinander her? Ist es einfach eine weitere Ebene, ein Mittel, noch etwas anderes zu kommunizieren als Club?

Dave: Zunächst sehe ich keinen Widerspruch zwischen Eleganz und Widerstand. Ich habe mit dem Booklet versucht, für mich wichtige Eckpfeiler linker Widerstandsgeschichte und -gegenwart zu dokumentieren und sie dadurch in einen Zusammenhang zu rücken, in der Inhalte, die über Musik oder Design hinaus gehen, nicht auf der Tagesordnung stehen. Ich hatte immer den Eindruck, dass besonders bei non-verbalen Musiken die Cover und Titel eine sehr wichtige und polarisierende Rolle spielen. Wenn ich mir eine Techno-12" oder ein Album kaufe, untersuche ich sie jedes mal akribisch auf eventuelle Hinweise über die Intentionen und Beweggründe des Künstlers, Musik zu machen und sich damit an die Öffentlichkeit zu wenden... und natürlich auch, um mehr über den Künstler/die Künstlerin selbst herauszufinden. Was mich angeht, war ich gerade in der letzten Phase des Albums, in der ich auch Cover und Booklet entworfen habe, von einer menge Wut auf die sich immer mehr verschärfenden globalen Verhältnisse bewegt. Ich wollte dieses Gefühl der Ablehnung und des Bruchs mit der Verwertungslogik des globalisierten Kapitalismus und der sogenannten "zivilisierten Welt" und besonders die Möglichkeit und das Geschehen von praktischem Widerstand in der Vergangenheit und Gegenwart dokumentieren.
Obwohl oder gerade weil die Musik dieses Albums eher intuitiv als konzeptionell entstanden ist finden sich diese Gefühle auch in ihr wieder.

Christian Meyer: Bei all den politischen Verweisen ist "Weathermen" sicherlich auch als politische Anspielung auf die amerikanische Undergroundbewegung der späten 60er Jahre zu verstehen...

Dave: Ja genau! Ich habe im letzten Frühling "Woher der Wind weht" von Ron Jacobs über diese militante Gruppe gelesen und habe mich sehr gewundert, wie aktuell ihre Analysen, besonders was Klassenkämpfe und Klassenidentität in westlichen Metropolen angeht, immer noch sind. Den Titel ihres ersten Strategiepapieres "You don't need a weatherman to know which way the wind blows" verstehe ich in diesem Zusammenhang ähnlich wie das Konzept der Zapatisten: eine Armee/Gruppe aufzubauen, deren Ziel ihre eigene Auflösung ist. Auf die Ansätze der Zapatisten beziehen sich ja heute zum Beispiel auch Gruppen wie die Tute Bianchi in Italien, die mit ihrem Konzept des zivilen Ungehorsams und ihren spektakulären Aktionen gegen Abschiebeknäste aufgefallen sind und kürzlich beim G8-Gipfel in Genua eine Menge erreicht haben.