22.11.2001

Lahme Härte

von Eckhard Fürlus

Die Berliner Band "Mutter" im Maria am Ostbahnhof

Mutter-Glück hoch 2: Am 24. Oktober lud die von der 'Szene Hamburg' als Ausnahmeband apostrophierte Berliner Gruppe Mutter zum Konzert ins Maria am Ostbahnhof, um ihre neue CD im Rahmen einer Releaseparty vorzustellen. Gleichzeitig war dies ein Anlaß zur Feier des 15jährigen Bestehens dieser Band.

Nach vier Jahren ist nun ihr neues Album 'Europa gegen Amerika' erschienen, vier Jahre, in denen die Band auf Labelsuche war, und fünf Jahre nach ihrem letzten Album, dessen Titel der Name einer italienischen Zigarette ist: 'Nazionali'.

Um 21.50 Uhr ist Einlaß. Zu einem Eintrittspreis von 15,- DM. Bis zum Konzertbeginn werden Aufnahmen von Live-Auftritten der Band Mutter gezeigt, zu der es leider keine entsprechende Musik gibt. Nicht ganz ein Stunde später beginnt das Konzert ohne Vorwarnung, ohne Vorgruppe.

Vorläufer dieser Gruppe bei annähernd gleicher Besetzung war die Formation Camping Sex. Mutter - das sind: Max Müller, Gesang; Florian Koerner von Gustorf, Schlagzeug; Frank Behnke, Gitarre, und Kerl Fieser, Bass. Gegründet 1986 und bislang ein Quartett, wurde Mutter nun mit dem von Max Müllers Soloprojekten wie z. B. der CD 'Endlich tot' bekannten Organisten Tom Scheuzlich zum Quintett erweitert.

Ihr Debütalbum 'Ich schäme mich Gedanken zu haben die andere Menschen in ihrer Würde verletzen' wurde in nur zwei Tagen aufgenommen; dem folgte 1993 das Album 'Du bist nicht mein Bruder' und ein Jahr später ihr bislang erfolgreichstes Album 'Hauptsache Musik'. Die Band selbst versteht sich als Rockband oder ' wie Lemmy von Motörhead sagen würde ' als Rock'n'Roll Band.

Das Beste, was man über diese CD sagen kann, hat Diedrich Diederichsen bereits in der Zeitung Der Tagesspiegel vom 15. Oktober geschrieben. Die Süddeutsche Zeitung lobt Mutters 'Europa gegen Amerika' als 'eine der schönsten und gescheitesten Platten ihrer Karriere'. Das Konzept, das Max Müller seiner Solokarriere zugrunde legt, scheint er auch für seine Band Mutter zu übernehmen. Sämtliche Texte schreibt Max Müller allein. Die Musik soll so frei wie möglich sein, und Müller sagt in einem Interview, er könnte eben so gut auch Funkjazz oder Schlager machen, und tatsächlich funktionieren die Konzerte der Band Mutter wie Freejazz-Konzerte. Auch hier gibt es einen Rahmen, in dem sich die einzelnen Musiker frei bewegen können. Und wie im Freejazz ist es bei Mutter nach Aussagen der Bandmitglieder die Verwurzelung von Eigenständigkeit und Kompromißlosigkeit, die ihre künstlerische Gangart ausmacht.

16 Stücke sind auf der neuen CD enthalten; vieles davon bekommt man an diesem Abend im Maria zu hören, so auch das sehr eingängige 'Wir waren niemals hier' und 'Damals in Berlin', die Adaption eines Schlagers aus den 50er Jahren, der heute wie eine Abgesang auf die Mauerstadt anmutet. Hatte Max Müller vor kurzem noch in Interviews darauf hinweisen müssen, daß Mutter eben nicht alle Säle leerspielen - an diesem Abend konnte man sich zwei Stunden und drei Zugaben lang davon überzeugen.

Vielleicht ist ihr schwerer und brachialer Sound der Grund dafür, daß dieses Konzert nicht ausverkauft war.