Kante
18.12.2001

Kante

von Christian Meyer

Auf die zweite LP der Hamburger Band Kante mußte man lange warten. Unter anderem, weil deren Mitglieder in diverse andere Bands – z.B. Blumfeld und Laub – involviert sind. Doch mit Zweilicht liefern sie Popmusik, auf die zu warten lohnt.

Zuallererst muß man mal festhalten: Kante klingen alles andere als kantig. Das galt schon für das Debut Zwischen den Orten. 1997, als die Platte erschien, war der Siegeszug des Postrock-Flagschiffs Tortoise und der restlichen Chicago-Connection zwar noch nicht beendet, ein vages Unwohlsein ob des sich ausbreitenden introvertierten Fricklertums und der Reaktivierung des Qualitätsmerkmals Virtuosität, sprich Handwerk, machte sich aber schon langsam breit. So sehr Zwischen den Orten Postrock in diesem Sinne war, also vor allem raffiniert, ließ die Platte bei den Songorientierten Stücken (Karte; Zwischen den Orten) einen Ausweg durchschimmern. Einige musikalische Ereignisse (auch deutsche!) später steht der Entfaltung dieses Schimmerns hin zum Strahlen nichts mehr im Wege: auf der neuen Platte Zweilicht paart sich eine hemmungslose emotionale Öffnung mit einem weit ausgebreiteten musikalischen Fluß – die musikalischen Parameter sind neu abgesteckt!
Daß sich der Produktionstechnische Hintergrund der beiden Platten diametral zu den Ergebnissen verhält, ist vielleicht nur eine Anekdote, vielleicht aber auch wieder eine willkommene Aufdeckung der Künstlermythen Spontaeinität und ? . Zur genaueren Klärung traf Tuxamoon ganz passend Sebastian Vogel (Schlagzeug) und Peter Thiessen (Gitarre, Gesang) an einem melancholischen, grau verhangenen vorweihnachtlichen Tag:

Sebastian Vogel: Wir haben uns für jedes Stück einen Baukasten gemacht. So kann man die Teile wunderbar rumschieben, wiederholen, doppelt so lang bauen oder wieder weglassen. Die erste Platte war ja eine komplette Übungsraum-Entwicklung und ist mit der ganzen Band entstanden. Die neue Platte ist zuhause am Computer mit Harddisk-Recording ‘zusammengesteckt’ und ‘gebaut’. Es ist aber kein brüchiger Übergang, jetzt mit dem Sequenzer zu arbeiten, weil die Musik auch vorher schon große sequentielle Anlagen hatte. So war das gar kein Problem, die Platte jetzt mit elektronischen Mitteln zu planen und vorzuentwerfen.

Doch nur die Vorarbeiten fanden am Computer statt, Zweilicht ist nicht komplett am Computer produziert. Das Endergebnis ist wie gehabt mit der kompletten Band im Studio eingespielt – und sogar die zahlreichen Streichern sind mit klassischen Instrumenten eingespielt...

Peter Thiessen: Das kann man nicht so gut nachbauen, das würde man hören. Und es geht auch darum, eine bestimmte Aura zu vermitteln... Wir wollten eine Platte, die eine gewisse Autorität ausstrahlt und verbindlich gemeint ist, nicht ein sich selbst auslebendes ‘Gefrickel’ ist. Wir verbringen ziemlich lange damit, musikalische Themen – Melodien oder Rhythmen – zu finden. Da vertrauen wir ganz auf die Musik selber und fragen: wo will diese Melodie oder jener Rhytmus hin, und versuchen stringent daran zu arbeiten.

Sebastian Vogel: Es war schon klar, daß wir jetzt nicht noch eine zweite Post-Rock Platte machen müssen. Wir wußten, daß es nur darum gehen kann, was (uns) in der Zwischenzeit begegnet ist.
Musikalisch, und in der Auseinandersetzung mit Musik. Und da hat sich eben unter anderem die Abwicklung bzw. Modifizierung des Modells Postrock ereignet.

Mit der Idee Postrock im Sinne einer Überwindung von Rock wollte man sich nicht abfinden. Kantes an Postrock zielt dahin, das im Verbund mit philosophischen ‘Post’-Theorien keine Auseinandersetzung mit Rock stattgefunden hat, sondern Rock einfach abgeschafft wurde. Das muß man nicht unbedingt unterschreiben, denn Bands wie Tortoise haben natürlich mit Fragmenten von Rock gearbeitet - und tun dies immer noch). Aber die Vorliebe von Kante für respektvollen, von Peter Thiessen etwas verklärend zu pauschal schwarzer Musik zugeschriebenem Umgang mit der Geschichte im Gegensatz zu der eher weißen, bürgerlichen Idee der Überwindung und Zerstörung des Alten (Vatermord-Syndrom), kann man durchaus etwas abgewinnen.
Vor allem, wenn dadurch eine historische Linie zwischen alten und weniger alten Helden wie Robert Wyatt, Mark Hollis/Talk Talk, Sonic Youth oder Gastr del Sol, elektronischer und schwarzer Musik gezogen wird (auch wenn letztere sich eher strukturell bzw. im theoretischen Ansatz ausmachen lassen). Und das auf höchst elegante, dabei aber nie kühl geplante (zumindest ist das nicht hörbar, und nur das zählt) Art. Danke Kante!