Schlammpeitziger
04.04.2002

Wühlen im Schlamm der gegenwärtigen Vergangenheit

von Christian Meyer

Niedlich! Nie-dlich!! NIE-DLICH!!! So, das war schon mal vorab die übliche Portion 'niedlich' pro Schlammpeitziger-Artikel. Dann kann ich mich jetzt ja wohl einer weniger festgelegten Auseinandersetzung mit der Musik von Jo Zimmermann, wie sich Schlammpeitziger bürgerlich nennt, widmen. Denn er selbst gibt zwar einige steile Vorlagen, die den Gebrauch dieses Adjektivs fördert, aber eine Beschäftigung mit seiner Musik kann auch ganz anders gehen – und zwar so (im wirren Intuitions-Mix):

Die Schlamm-Kosmologie
Schmeißt man all sein Schlammpeitziger-Wissen in einen Topf, drängt sich einem unweigerlich die Vorstellung eines eigenen, kleinen Schlammpeitziger-Kosmos auf: da sind die in einem Paralleluniversum, unabhängig von der Musik entstehenden Coverzeichnungen, die aus einem großen Fundus über die Jahre angehäufter Zeichnungen ausgewählt werden. Da ist dieses eine, die gesamte Musik mit seinem Sound prägende Gerät (ein Casio Digital-Synthesizer, den er nach all den Jahren wie seine Westentasche kennt), mit dem bis vor kurzem die komplette Musik gemacht wurde (erst kürzlich sind ein Sampler und einige andere Geräte hinzugekommen). Da ist die freundschaftliche Zugehörigkeit zum Kosmos von A-Musik, in den er aber doch mit seiner unakademischen, intuitiven Musik nicht ganz hineinzupassen scheint.

„Das wäre schon komisch, aber auch gut: Schlammpeitziger in den USA!“.

Glücksrad-Musik
Vor allem Letzteres bestätigt sich beim Gespräch mit dem Künstler: Musik machen ist bei Schlammpeitziger sehr vom Zufall abhängig: nicht geplant, und auch nicht von technischem, musikwissenschaftlichem oder musikhistorischem Wissen abgeleitet. In der Musik prallen die verschiedensten Einflüsse aufeinander, ohne dass es theoretisierend knallt: es passiert einfach! Der als erstes vom Schlammpeitziger unverhohlen zugegebene und nachvollziehbare musikalische Einfluss kommt von New Wave-Elektronik à la Residents, Der Plan u.ä. Aber wie lassen sich all die anderen in die Textur der Stücke reingerutschten Elemente erklären? Vielleicht gar nicht künstlerisch, wie bei den orientalisch klingenden Sounds und Melodien seiner Fantasiefolklore: "Das passiert immer automatisch, wenn ich die schwarzen Tasten benutze". Oder nur mit der zufälligen Koexistenz von musikalischen Ideen zu verschiedenen Zeiten, wie bei den deutlichen Anleihen beim Krautrock. Denn das hat Jo Zimmermann nie sonderlich bewusst in sich aufgenommen: "Als ich Frank Dommert kennenlernte (A-Musik; Entenpfuhl usw.), hat der mir von Harmonia erzählt. Vorher kannte ich so etwas nicht. Das ist dieses Phänomen von der gleichen Idee von Musik, die unabhängig voneinander und zu einer anderen Zeit entsteht". Und jetzt, in anderen Zusammenhängen auch wieder funktioniert – anders funktioniert! Auch in produktionstechnischen Fragen ist das Ergebnis auf ähnliche Art dem Zufall ausgeliefert. Neugieriger Reporter: "Wie wissen Sie, wann Sie die Arbeit an einem Stück beenden müssen, wann ist der Track fertig, wie schützten Sie sich davor, solange Ideen aufeinanderzustapeln bis das Ganze umkippt?" Antwort des Künstlers:"Das bedingt die Technik, ich habe ja nur 8 Spuren! Wenn die voll sind, sind sie eben voll!" Ja, so einfach kann das sein. Naiv könnte man das nennen, wenn das einerseits nicht negativ behaftet wäre, sich andererseits dadurch nicht wieder eine so gefährliche Nähe zu diesem anderen Adjektiv mit 'n' in the begining einstellen würde. Gefährliches Fahrwasser...

Jetzt Welterfolg, bitte!
Zu den Fakten: Die gerade erschienene erste Compilation 'Collected Simple Songs Of My Temporary Past' versammelt Lieblingslieder der bisherigen Veröffentlichungen, ausgesucht vom Musiker mit beratender Unterstützung von Freunden der A-Musik. Mit der CD soll der große Erfolg in GB und den USA, der bislang ausblieb, forciert werden. „Das wäre schon komisch, aber auch gut: Schlammpeitziger in den USA!“. Mit dem neuen Label Domino im Rücken wäre das sicherlich möglich und ein entscheidender Schritt nach vorne (ein Mixauftrag von Depeche Mode ist auch schon eingetrudelt). Leben kann er zwar schon seit zwei Jahren von der Musik (was ihn allerdings immer noch wundert!), besser leben wäre aber natürlich besser! Außerdem geht von den derzeitigen Entwicklungen ein neuer Motivationsschub aus, der zu neuem anspornt: Live werden jetzt nicht mehr nur die Melodien nachgespielt, wie bisher, sondern die Stücke auch lustvoll zerlegt (ha, gar nicht niedlich und auch nicht naiv!). À propos Melodien (die Dinger, weswegen ihm das Prädikat 'niedlich' so sehr anhängt): die wurden von vielen Hörern schon beim letzten Album vermisst, in Zukunft sollen die Stücke zusätzlich noch brüchiger werden und deutlich mehr nach vorne gehen. Die den meisten Tracks inhärente sehnsüchtige Melancholie darf aber bleiben. Und er möchte auch nach wie vor seine Platten am liebsten im A-Musik-Fach wiederfinden. Soviel zur gegenwärtigen Vergangenheit inklusive besagter Compilation. Warten wir jetzt mal ab, was die vergangene Zukunft gebracht haben wird.