17.04.2002

Hartmut Geerken & The Art Ensemble Of Chicago

von Eckhard Fürlus

Zero Sun / No Point
Dedicated to Mynona & Sun Ra

Eins der verdienstvollsten Labels, das sich vornehmlich darum bemüht, Jazz der gediegeneren Gangart auf den Markt zu bringen, ist das in Newton Abbot in England ansässige Label Leo Records des Produzenten Leo Feigin. Die nun vorliegende Doppel-CD von Harmut Geerken und dem Art Ensemble of Chicago verbindet die Philosophie von Salomo Friedlaender/Mynona mit der Musik Sun Ras.

[...] und gab sich 1952 den Künstlernamen Sun Ra. Zusammen mit Cecil Tayler gehört er zu den wichtigsten Pionieren des Free Jazz [...]

Wie man das selbe Ziel erreichen kann, wenn zwei Personen gegensätzliche Richtungen einschlagen, läßt sich den Linernotes zum aktuellen Doppelalbum von Hartmut Geerken und dem Art Ensemble of Chicago entnehmen. In einer Art Parallelbetrachtung hat Hartmut Geerken die Philosophie Salomo Friedlaenders den Gedanken des Musikers Sun Ras gegenübergestellt und ihre poetischen und philosophischen Texte mit einander verglichen.

Über Hartmut Geerken und seine musikalischen Wurzeln wurde an dieser Stelle bereits zu einem früheren Zeitpunkt ausführlich geschrieben; mit dem 1967 gegründeten Art Ensemble of Chicago - Lester Bowie, Malachi Favors Maghostut, Roscoe Mitchell und Famoudou Don Moye spielen seit 1971 in dieser Besetzung - verbindet ihn eine jahrelange Freundschaft und musikalische Zusammenarbeit.

  • Hartmut Geerken & The Art Ensemble Of Chicago

Salomo Friedlaender, ein Privatgelehrter, Schriftsteller und Bohemien, wurde 1871 in Gollantsch in Posen geboren. Als Vorläufer der Dadaisten veröffentlichte er in Berlin bis 1930 unter seinem Pseudonym Mynona (d. i. Anonym) zahlreiche Grotesken in den Zeitschriften Die Aktion und Der Sturm. Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 war Friedlaender als Jude gezwungen, Deutschland zu verlassen. Nur durch einen glücklichen Zufall blieben ihm und seiner Frau die Deportation nach Auschwitz erspart. Friedlaender starb völlig verarmt 1946 in Paris.

Sun Ra wurde 1914 als Hermann Poole Blount geboren und gab sich 1952 den Künstlernamen Sun Ra. Zusammen mit Cecil Tayler gehört er zu den wichtigsten Pionieren des Free Jazz und nutze als einer der ersten elektronische Instrumente für seine Musik. Sun Ra leitete von 1952 bis zu seinem Tod 1993 das Sun Ra Arkestra; seine Diskographie verzeichnet etwa 200 Aufnahmen.

Innerhalb der Philosophie Salomo Friedlaenders bildet Zero Sun einen der zentralen Begriffe zur Bezeichnung des Ursprungs oder des Zentrums menschlicher Existenz. Aus diesem Ursprung heraus beginnt jedweder kreative Prozeß. Zero Sun bezeichnet die durch den Gong symbolisierte Sonne. No Point ist die Übersetzung des griechischen Utopie-Begriffes ou topos ins Englische, der Nicht-Ort. Der Musiker und Bandleader Sun Ra hat in Interviews und Schriften wiederholt betont, daß er den Saturn als seinen eigentlichen Planeten versteht und das 'nowhere home' als seine Heimat begreift, eben jenen Bereich 'outer space' den derjenige erreicht, der die Erde hinter sich zurückläßt.

Zero Sun No Point entstand 1996 als interaktives Medienprojekt im Auftrag des Bayerischen Rundfunks. Der überwiegende Teil des Textmaterials von Zero Sun ist den Texten von Salomo Friedlaender entnommen; No Point stammt in weiten Teilen von Sun Ra. Zwischen beiden Stücken gibt es zahlreiche Analogien, wie es auch Gemeinsamkeiten gibt in den Biographien des dichtenden Philosophen und des philosophierenden Musikers. Zusammen mit den Texten von Friedlaender und Sun Ra bilden präparierte Tonbänder, auf denen die Stimmen von Antonin Artaud und Ezra Pound zu hören sind, und Studioaufnahmen das strukturelle Grundgerüst dieser in mehreren akustischen Räumen angesiedelten Aufnahmen, in die das Auditorium von den auf der Bühne agierenden Musikern mit einbezogen wurde.

Wir danken Wilfried Petzi für die freundliche Überlassung der Fotos 1-5.