16.06.2002

Global-Hip Hop!

von Christian Meyer

DJ Krush weltweit auf der Suche nach neuen Sounds

Kakusei, DJ Krush letztes reguläres Studioalbum von 1999 war im Rahmen von Hip Hop von selten gehörter Radikalität. Das monolithische, schwer zugängliche Instrumentalalbum zeigte bereits mit dem auf dem Cover abgebildeten eingeschneiten Turntable, dass hier für eine Annäherung viel Hörarbeit geleistet werden musste. Kühl und spröde präsentierte sich hier ein Entwurf, der wie der Höhepunkt und das gleichzeitige Ende von Hip Hop klang – danach war in dieser Richtung erst mal nichts mehr möglich (wir wissen natürlich, dass inzwischen andere Leute an ganz anderen Stellen großartig weitergearbeitet haben, aber das ist eine andere Geschichte...)! Krushs neues Album Zen will man als durchschnittlicher, auf Linearität bestehender Fortschrittsgläubiger dann trotzdem wieder als Nachfolger seines Meisterwerks Kakusei hören. Aber Kakusei hat schon den richtigen Eindruck hinterlassen: Zen ist lediglich chronologisch gesehen dessen Nachfolger! Kakusei war sehr abstrakt und fragil, insgesamt aber ein einheitlicher Wurf. Auf Zen hingegen findet man sehr unterschiedliche Musik: Deepe, aber auch aggressive Rap-Tracks, atmosphärischen 'Trip Hop' (auch mit dem obligatorischen Frauengesang), Stücke, die man 'Jazz-Hop' nennen könnte und einige in Bezug auf Rhythmus und Soundauswahl experimentellere Stücke, ähnlich wie auf Kakusei. Besonders wegen der Stücke, die man Trip- oder Jazz-Hop nennen könnte, klingt das neue Album, als hätte Krush ein Retrospektive mit allen Styles seiner Karriere zusammengestellt. Ganz im Gegensatz zu dem kompromisslosen Vorgänger von 1999, wo ein Sound dominierte. Ist Krush, mit knapp 40 Jahren ein absoluter Oldie im Hip Hop Geschäft, am Punkt einer Rückbesinnung angelangt? Will er einfach auf seine früheren Styles nicht verzichten, sich nicht häuten und sie weiter in seiner Musik integrieren? Oder war Kakusei einfach zu schwer und düster, um in diese Richtung konsequent weiter zu gehen?

"Aber Deine Frage macht mich nachdenklich: Jeder, der vorwärts kommen möchte, muss zurück blicken und aus seinen Erfahrungen lernen."

Krush: Ich hatte nicht vor, ein retrospektiv klingendes Album zu machen. I wanted to make an album about moving forward, forward into the 21st Century. Das Wort ZEN bedeutet Stück für Stück oder Schritt für Schritt. Ich wollte meine Musik Schritt für Schritt vorwärtsbringen. Aber Deine Frage macht mich nachdenklich: Jeder, der vorwärts kommen möchte, muss zurück blicken und aus seinen Erfahrungen lernen. Ich denke, ich habe auf meine musikalische Vergangenheit zurückgeblickt, um vorwärts in die Zukunft schreiten zu können. Es stimmt: auf der Platte sind sehr viele Elemente meiner Kreativität und meine Lebens. Sie blickt nach vorne, aber dass heißt auch, zurück zu schauen.

Christian Meyer: Wenn man sich mehr auf die experimentelleren Stücke des Albums konzentriert, dann findet man Tracks, die mit klassischen arabischen, asiatischen und afrikanischen Sounds arbeiten. In 'Sonic Traveler' werden sogar asiatisch klingende Sounds mit afrikanische Rhythmen kombiniert, was in so etwas wie, hmmm... eine freie Art Drum ‘n’ Bass mündet. Wird hier vielleicht an einer neuen Weltmusik gearbeitet, einer besseren als die, die man bislang zu hören bekam?

Krush: Ich habe nicht direkt vor, eine neue Weltmusik zu erfinden. Aber ich brauche mehr Klangfarben, um das, was in meinem Kopf ist, auszuführen. Wenn man das dann Weltmusik nennen kann, dann mache ich wohl Weltmusik. Aber ich möchte meine Musik einfach frisch, neu und spannend halten.

Christian Meyer: Weil Du häufig aus einer japanischen Tradition kommende Sounds verwendest, hat es den Anschein, dass Du von Japanischer Folklore beeinflusst bist. Ist Japanische Folksmusik wirklich präsent im Japanischen Alltag, oder ist das bei Dir nur ein Spiel mit Deiner Herkunft? Ich frage das, weil es in Deutschland eher ungewöhnlich ist, von Folksmusik musikalisch geprägt zu sein bzw. solche Elemente in die Musik einfließen zu lassen (allerdings ist japanische Folklore auch um einiges spannender als deutsche Folksmusik!)

Krush: Eine interessante Frage! Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass Japanische Folksmusik im Japanischen Alltag eine Rolle spielt. Es gibt da eher viel Pop- und Rockmusik, die ich allerdings nicht sonderlich interessant finde. Japanische Folklore ist in meinem Alltag nicht präsent, aber ich bin von ihr beeinflusst. Ich bin fasziniert vom Gebrauch des MA (ein japanischer Begriff, der eine Spannungsgeladene Stille voller Erwartung bezeichnet – sozusagen der Break, bevor es wieder 'losdonnert'/Anm. CM) in Japanischer Musik. Wie würdet ihr das übersetzen? Vielleicht: „a silent time, space with tension". Das ist ein durchgehender Faden in Japanischer Folksmusik. Eine Unsichtbare Verbindung der Musik mit ihrer Umgebung.

Christian Meyer: Könntest du etwas über Deine Gäste auf der Platte sagen, warum Du sie ausgewählt hast und wie die Arbeit mit ihnen verlief?

Krush: Mit The Roots war es bereits meine vierte Kollaboration. Es war immer eine Freude, mit ihnen zusammenzuarbeiten.
Für Company Flow gab es noch einen anderen Track, den ich zu EL-P geschickt habe. Er hat den des Albums ausgewählt, und auch alles andere habe ich ihnen überlassen. EL-P war sehr ernsthaft und immer pünktlich. Mit Mr.Len kommt man auch sehr gut zurecht. They're such nice guys. Von Zap Mamas Vocal Style war ich sofort beeindruckt. Ich wollte einen Track mit Frauenstimme machen, nicht reiner R&B, aber auch nicht im europäischen Style (er meint wohl im Trip Hop-Stil/Anm. CM). Als ich ihr Demo hörte, fand ich es perfekt. Ich schickte ihr den Track, und sie war sehr interessiert. Sie schickte es zurück mit einer Melodie und Texten, die perfekt zu meinem Image passten. Also bin ich nach LA gefahren um es aufzunehmen. Sie singt, als ob ihre Kehle ein Instrument ist. Ich war beeindruckt, das live zu erleben, es war eine magische Erfahrung! Tunde Ayanyemi ist ein Nigerianischer Percussionist, mit dem ich mit RYU, unserem DJ-Projekt, zusammengearbeitet habe. Ich wollte, dass das Stück klingt, als würden wir beide in Schallgeschwindigkeit durch verschiedene Länder reisen. Sein trommeln klingt rauh, weil er nie auf eine theoretische Art Musik gehört hat, und nie Dancemusic gehört hat. Also habe ich versucht, ihn nach der Struktur des Tracks spielen zu lassen, aber es endete damit, dass er einfach improvisiert hat.
Sunja Lee ist eine Koreanerin, die fließend vier Sprachen spricht. Sie hat den Track in Koreanisch, Englisch und Französisch aufgenommen, und die Versionen sind alle vollkommen unterschiedlich. Ich habe mich dann für die Englische entschieden, weil das am besten zu der Struktur des Tracks passte.
Mit Kazufumi Kodama bin ich auf seiner Record-Release Party aufgetreten. Es war unglaublich, wir haben uns nur über den Sound verbunden gefühlt. Ich habe ihm am selben Abend noch ein Angebot für eine Zusammenarbeit gemacht.

Christian Meyer: Was wird es in der Zukunft geben, was sind Deine nächsten Projekte?

Krush: Ich habe gerade erst dieses Album beendet, da möchte ich noch nicht über neue Projekte sprechen. Als nächstes werde ich neben meiner Europatour (die Deutschlandtermine waren bereits Mitte Juni/Anm. CM) einen Remix für Herbie Hancock's neues Album mit Vocals von Chaka Khan machen. Das wird großartig!
Peace, Love and Arigato!