Ming
16.06.2002

Ming

von Christian Meyer

Electro-Pop-Chansons

Das Brüsseler Duo kann sich einfach nicht entscheiden: Elektronik oder Pop, lustig oder traurig, Kraftwerk oder Telex, Innen oder Außen. Mit Ming zwischen allen Stühlen!

Da stellte sich doch leichte Verwirrung ein, als ich kurz nach dem Interview mit dem Belgischen Electro-Pop Duo Ming eine Anzeige für das neue Album von Ming in einem Fachmagazin erblickte. Demnach heißt das überraschenderweise gerade erschienene Debutalbum des anscheinend Britischen Duos nicht 'Intérieur/Extérieur', sondern 'Red'. Des Rätsels Lösung: es gibt zwei Mings und voraussichtlich bald auch den üblichen Namensstreit. Den werden hoffentlich die Belgischen Ming für sich entscheiden können: zum einen, weil sie zuerst da waren, und wer zuerst nennt, heißt schließlich auch zuerst! Zum anderen, weil man von diesen beiden äußerst sympathischen und sensiblen Menschen am liebsten alle Probleme dieser Welt fernhalten möchte. Irgendwie kann man bei ihrem Anblick nicht glauben, dass sie dem standhalten würden (was mit Sicherheit überhaupt nicht stimmt!). Ich treffe Frédérique (kurz Fred) und Nicolas am Rande des Electro Bunker Open-Airs in Köln am Rhein, genauer am Strand des Rheins, wovon die unterschiedlichsten Schiffsmotorengeräusche auf der MD ein munteres Liedchen brummen und die sowieso in lustigem Englisch Sinn zerbröselnden O-Töne verschlucken. Wir befinden uns jedenfalls (dr)außen...

"Wir ziehen es vor, uns Gedanken über die Gegenwart und Zukunft zu machen. Viele Künstler sind anscheinend nicht fähig, über die Zukunft zu reden – und sie wissen auch nichts von der Gegenwart."

Christian Meyer: Wie kann man den Albumtitel Intérieur/Exterieur verstehen?

Fred: Einige Songs erzählen die Innenansicht, einige die Außenansicht.

Christian Meyer: Das müsst ihr genauer erklären, ich verstehe fast kein französisch. Wovon redet ihr in den Texten, beziehungsweise wer von Euch schreibt sie überhaupt?

Nicolas: Manche Texte schreiben wir gemeinsam, manche alleine, das hängt davon ab, wer die Musik geschrieben hat. Ein Text ist auch von dem Dichter Arthur Rimbaud. Die Sprache, die wir benutzen, ist ähnlich poetisch. Wir beschreiben keine Alltagsdinge und benutzen auch keine Alltagssprache. Manchmal sind die Texte sehr abstrakt, manchmal sehr materiell. Fred hat dazu ein Stück geschrieben – Sentir et Analyser – das von beidem, vom Fühlen und Analysieren, handelt.

Fred: Im Französischen Chanson – in bestimmter Weise beziehen wir uns darauf, wenn auch nicht bewusst (alleine dadurch, das der Chanson in Belgien sehr präsent ist und sie in Französisch singen/Anm. CM) – gibt es etwas sehr affektiertes... Für dieses Album habe ich versucht, nicht zu realistisch zu sein, sondern einen neuen Weg in der Poesie zu gehen. Zwei oder drei Stücke sind aber trotzdem 'exterieur', nicht metaphorisch, sondern sehr präzise, technische Beschreibungen von Dingen.

Christian Meyer: Passt dazu Euer Fassbinder Zitat „Liebe ist kälter als der Tod“?

Nicolas: Das ist als Hommage an Fassbinder gemeint. Er hat auch Musik mit kalten Texten und lustiger Variete Musik gemacht. (hat er das wirklich gesagt, oder versuchen mir hier die Interferenzen eines Schiffsmotors unterzujubeln, Fassbinder hätte auch Musik gemacht?). Der Intérieur-Part tritt bei Rimbaud hervor: er beschreibt einen Zeitgeist, der sehr aktuell erscheint. Das Leben in der Großstadt, die Situation der Jugend, die Opfer der Zeit sind – aber sie unternehmen nichts dagegen.

Christian Meyer: Musikalisch versuche ich Euch jetzt mal ganz platt mit anderen Brüssler Bands in einen Topf zu schmeißen: Die New Wave Band Honeymoon Killers war ähnlich wie ihr melancholisch und lustig zugleich. Was von beidem ist für Euch bedeutender?

Fred: Es ist einfach beides da!

Nicolas: Ich weiß nicht warum, aber für mich hat Musik immer etwas mit Melancholie zu tun. Aber auch wenn man so etwas Ernstes macht wie Musik, kann man nicht... ich bin nicht Stockhausen! Wir mögen es zu spielen, und es ist eben auch so etwas wie ein Spiel. Zur selben Zeit ist es aber auch wieder so ernst – wir hängen tatsächlich immer zwischen diesen beiden Aspekten.

Christian Meyer: Der Promozettel redet von starkem Kraftwerk-Einfluß in Eurer Musik. Ich denke eher an Telex, die ja ebenfalls aus Brüssel kommen: die waren weniger Streng, oft spaßig und sehr verspielt.

Nicolas: Dazu können wir nichts sagen. Telex ist uns zu nahe. Die waren soo belgisch. Die kommen aus unserer Parallelstraße. Die Leute machen über diese Nähe schon Witze.

Christian Meyer: Ihr werdet also oft mit ihnen verglichen?

Nicolas: Nein, und wir sind auch tatsächlich mehr von Kraftwerk beeinflusst. Wenn wir Telex hören, müssen wir immer lachen. Die machen ja ständig nur Witze. Sie haben z.B. 1980 das Stück 'Eurovision' auf dem Album Neurovision für den Grand Prix gemacht (wo übrigens auch das sehr schöne 'Tour de France' zu finden ist – soviel zum Telex/Kraftwerk-Vergleich!/Anm.CM).

Christian Meyer: Euer erstes Album Miso-Mix ist noch rauer als die neue Platte! Jetzt klingt alles reifer, erwachsener! Nicolas erzählte mir vorhin, dass ihr neues Equipment habt. Ist das der Grund für den neuen Sound.

Nicolas: Die Musik wird einfach immer wichtiger für uns. Früher haben wir den Schwerpunkt darauf gesetzt, kleine, lustige Melodien mit dem Synthesizer zu spielen. Jetzt versuchen wir Musik zu machen, die alle Möglichkeiten ausschöpft, die uns die Maschinen bieten. Wir sind darin allerdings keine Spezialisten, wir befinden uns eher auf Entdeckungsfahrt. Wir experimentieren, weil wir nicht genau wissen, was dies ist und wie jenes funktioniert.

Fred: Der Prozess des Suchens ist wahrscheinlich auch interessanter als der Moment des Findens.

Christian Meyer: Fühlt ihr euch der Elektronik-Szene nahe, oder seht ihr Euch eher einfach als Popmusiker? Denkt ihr darüber überhaupt nach?

Fred: (lacht) Wir reden tatsächlich sehr viel darüber. Es ist nicht so eindeutig.

Nicolas: Nein, im Moment ist das nicht sehr klar... Vor zwei Jahren wollten wir nur noch elektronische Musik machen, keine Chansons mehr, keine Texte, nur herumexperimentieren. Jetzt wissen wir, dass wir auch andere Dinge machen müssen. Der Pop ist jetzt wieder zurückgekehrt.

Christian Meyer: Kein Gespräch ohne 80er Retro-Debatte: ihr covert Subculture von New Order. Ist das Eure Jugend?

Nicolas: Die Bassline ist so simple. Ich habe irgendeine Bassline gespielt, und merkte dann, das es von Subculture ist. Das ist alles!

Fred: Es sollte eigentlich etwas anderes werden, aber plötzlich war es New Order. Für mich sind die 80er kein Jahrzehnt, bei dem man melancholisch werden kann, es war einfach eine lächerliche Zeit.

Nicolas: Eine wirklich schlechte Zeit!

Fred: Wenn das so weiter geht mit diesen Retrophänomen, kann ich das nicht mehr ernst nehmen. Das sind eben Modeerscheinungen.

Nicolas: Das ganze ist einfach nicht sonderlich interessant. Wir ziehen es vor, uns Gedanken über die Gegenwart und Zukunft zu machen. Viele Künstler sind anscheinend nicht fähig, über die Zukunft zu reden – und sie wissen auch nichts von der Gegenwart. Wenn man viel über die Zukunft nachdenkt, merkt man, dass das die totale Katastrophe ist, das Ende, das ist klar... aber ich will jetzt nicht zu negativ werden (lacht). Es ist ganz einfach diese Bassline zu spielen: dumm dum dumm dum.., und dieses 80er Zeug. Das könnten wir...

Fred: ...1000 Jahre lang machen (große Belustigung allerseits)!

Nicolas: Wir machen auch so was, aber es ist eigentlich nicht unser Thema! Wir sind in den 80ern Groß geworden, und kennen deshalb die Musik genau, das ist alles.