15.10.2002

Beruf: Diskjockey

von Christian Meyer

Der Kölner House-DJ und Journalist Hans Nieswandt beschreibt in dem Buch 'plus minus 8' kurzweilig aber kompetent Naheliegendes und Abseitiges des DJ-Alltags.

"Ich fand die Aufgabe direkt wahnsinnig reizvoll, empfand es aber auch als gigantisch! "

Christian Meyer: Wie kam es dazu, dass Du als DJ und Produzent jetzt auch noch zum Schriftsteller geworden bist?

Hans Nieswandt: Das Buch wurde mir vom Verlag vorgeschlagen. Die Idee war, die Wirklichkeit eines DJ's von jemandem beschreiben zu lassen, der das selbst betrieben und mitgestaltet hat. Es gibt zwar Bücher über DJ's, aber keine von DJ's, die das seelische - also nicht nur Fakten und Technik - sondern die Gefühls- und Erlebniswelt von DJ's beleuchten.
Ich fand die Aufgabe direkt wahnsinnig reizvoll, empfand es aber auch als gigantisch! Am Anfang dachte ich, dass muss mindestens der Zauberberg der DJ-Kultur werden. Dann habe ich gemerkt, dass es besser ist, entspannter an die Sache ran zu gehen und nicht eine Monsterkonstruktion, die von vorne bis hinten Spannungsbögen hat, zu entwerfen. So etwas ähnliches habe ich in Arbeit, aber ich fand für diese Sache eher das Prinzip gut, einmal reinzugreifen und zu gucken: ok, das ist gut und das ist gut - also eher intuitiv zu bleiben.

Christian Meyer: Es ist Erstaunlich, dass das Buch bei all dem 'Geheimwissen' ohne Glossar auskommt. Welche Idee vom Publikum steht hinter dem Buch?

Hans Nieswandt: Das war tatsächlich neu für mich: eigentlich bin ich es gewohnt, von Spex und so, die Texte einfach so runterzuschreiben, mit allem Wortgeklingel und Insiderinformationen. Bei einem so langen Text kommt man mit tollen Worterfindungen aber nicht weit, da kommt es viel mehr auf die Substanz der Geschichte an. Das originelle Formulieren hält man wahrscheinlich gar nicht durch, und wenn man es durchhält, dann nervt es. Es ist ja für ein breites Publikum geschrieben: Ich möchte, dass Leute, die sich gut auskennen, und denen man nichts erzählen kann, sagen: das ist korrekt, dass trifft die Sache! Dass aber auch gleichzeitig Leute, die nie in Clubs gehen und vielleicht viel älter sind und einfach neugierig sind, beim lesen nicht dass Gefühl haben, nichts zu verstehen.

Christian Meyer: Obwohl Du der Protagonist des Buchs bist, hast Du doch keine Autobiographie geschrieben. Wie wichtig bist Du dennoch für das Konzept des Buchs?

Hans Nieswandt: Der erste Teil ist ja eher Autobiographisch. Der ist wichtig, damit man sich vorstellen kann, wie man da langsam reinwächst. und weil ich da versucht habe, die Entwicklung der Musik, der Szenen und der Städte, wie ich es erlebt habe, zu beschreiben. Es ist subjektiv, aber ich wollte damit keine Bauchnabelschau betreiben, nicht mit tollen 'Angebergeschichten' aufwarten. Ich wollte, dass viele Facetten vorkommen, die für mich das Bild vervollständigen. Dass auch das Elend, das es da manchmal gibt, das blöde oder das melancholische, vorkommt.

Christian Meyer: Die literarische Form Deines Buches ist sehr interessant: es ist wie gesagt keine wirkliche Autobiographie, obwohl Du die zentrale Figur bist - vielleicht siehst Du Dich aber auch selbst im Buch nicht mehr als reale Person?

Hans Nieswandt: Es ist schwierig, die eigenen Geschichten ständig als interessant zu empfinden. Das kommt erst wieder zurück, wenn man den literarischen Weg dazu gefunden hat, und man ein paar Schritte von der eigenen Verwicklung in die Geschichte zurücktreten kann. Irgendwann wird einem das selber wie ein Produkt, und das ist eine sehr angenehme Phase. Dann macht man Textarbeit, und versucht mit Schnitt, Kameraperspektive und handelnden Personen den Leser zu fesseln.

Christian Meyer: Das Buch lebt von einer angenehmen Balance zwischen unterhaltsamen Anekdoten und informativen Beschreibungen und Analysen der Szenerien...

Hans Nieswandt: Ich möchte gerne, dass in meinem Buch das Wissen, dass ich habe, 1:1 rüberkommt, dass die Fakten stimmen, die Charaktere aber wiederum eine Dramatik entwickeln, die nicht unbedingt genau die selbe gewesen sein muss: eine gewisse Inszenierung ist hilfreich, um die Sachen deutlicher zu machen. Bei 'plus minus acht' war jedoch nicht Recherche, sondern das Aussieben die Hauptaufgabe. Und das hat mich während des Schreibens am meisten fertig gemacht. Ich habe vorher noch kein Buch geschrieben, und man lernt eine Menge währenddessen: zum Beispiel hilft es nicht, dass man eine Person einführt, nur damit man mal den Namen erwähnt. DJ Pierre (legendärer Houseproduzent/ Anm d. Autors) wird ja ziemlich ausführlich eingeführt, aber man hätte genauso gut Masters At Work, Todd Terry oder etliche andere schillernde Charaktere erwähnen können. Aber wenn man versucht, alle unterzubringen, dann schillert plötzlich gar keiner mehr. Mich schmerzt, dass so vieles unter den Tisch gefallen ist: Sachen in Wien, München, dem Ruhrgebiet und einiges, was wir in Köln gemacht haben. Ich habe also noch wahnsinnig viel Material. Wenn das Buch gut ankommt, bzw. was davon gut ankommt, entscheidet, wie ich weiter verfahren werde.