27.11.2003

Der oben swebt

von Eckhard Fürlus

Marilyn Manson in der Berlin-Arena

Fast drei Jahre nach dem letzten Konzert der Band Marilyn Manson im Velodrom und sieben Monate nach der mit großem Presserummel verbundenen Präsentation der immer noch aktuellen CD The Golden Age Of Grotesque in der Volksbühne findet am 20. November 2003 ein weiteres Konzert des als Schock Rocker, Provokateur und Kultmusiker apostrophierten amerikanischen Künstlers Marilyn Manson in der Berlin Arena statt. Zeitungen und Zeitschriften wie Süddeutsche und Spiegel veröffentlichten ausführliche Interviews mit Brian Warner. Entsprechend hoch gesteckt sind die Erwartungen an das ausverkaufte Konzert.

Der oben swebt und niden hebt,
der vor und hinden, neben strebt
und ewig lebt, ie was an anevange.
Oswald von Wolkenstein

Die freundliche Dame von der Konzertagentur weist den Weg bis kurz vor die Bühne. Hier stehen die starken Männer von der Security, die vollauf damit beschäftigt sind, mit Wasser gefüllte Plastikbecher ins Publikum zu reichen und junge Frauen aus der Menge zu ziehen, um sie vor dem Kollabieren zu bewahren. Einige der Fotografen fotografieren das schwarz gewandete meist jugendliche Publikum mit den vielen Marilyn Manson Lookalikes, die sich ihren Weg in die vorderen Reihen gebahnt haben.

Langsam geht das Licht aus. Es wird dunkel. Auf die Bühne tritt Peaches. Peaches, bürgerlich Merrill Nisker, singt zur Musik von Band und gestikuliert wild. Und während Peaches singt und es ordentlich krachen lässt und uns mit ausgesucht derben Worten ihre Sichtweise von Gender Studies erläutert, wüsste ich gern, was Andreas Banaski über diese Chanteuse schreiben würde, die eben im Begriff ist, ihre Oberbekleidung abzulegen. Obscene, be obscene. mOBSCENE. Ihre Musik ist ein entfernt an Alan Vegas Saturnstrip erinnernder Elektropop, jedoch ohne die entscheidende Rockabilly Komponente. Nicht eben das, was man sich als Vorprogramm von Marilyn Manson wünscht.

Was ist anders als beim letzten Marilyn Manson Konzert im Februar 2001 in der Berlin Arena? Heute hat Brian Warner eine andere, sich verständnisvoll gebende und im Grunde genommen wohlmeinende Presse, und selbst Intellektuelle, die keinen einzigen Manson Song kennen, können sich auf ihn einigen. Entscheidend dafür dürfte Marilyn Mansons Erscheinen in dem Film Bowling For Columbine von Michael Moore gewesen sein, in dem er Amerika heftig kritisierte und einige kluge und wohlüberlegte Sätze über das Massaker an der Columbine Highshool in Littleton 1999 sagte. Ein anderer Grund ist die Zusammenarbeit mit dem Maler Gottfried Helnwein, der das aktuelle CD Cover The Golden Age of Grotesque gestaltete, bei deren Präsentation in der Volksbühne in Berlin im April dieses Jahres es zu einer Begegnung zwischen dem Musiker Marilyn Manson und der Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer kam. Man habe sich, so verlautete aus gut unterrichteten Kreisen, auf Anhieb bestens verstanden und eine gemeinsame Besichtigung des Reichstages ins Auge gefasst.

Es dauert lange, bis es dunkel wird. Bis es dunkel ist, hat die Security Gesellschaft des öfteren Gelegenheit, einzugreifen. Wieder werden Becher mit Wasser gereicht; wieder werden Mädchen aus dem Auditorium gezogen und hinter die Absperrung getragen. Ich frage, ob so etwas häufiger vorkommt. "Ja, sicher." Ich möchte wissen, wie viele Besucher heute abend vor Ort sind. "Acht- bis zehnausend." ist die lapidare Antwort. Dann geht das Licht aus. Trockeneis breitet sich aus. Der ganze Bühnenaufbau taucht ab in Trockeneis. Ein kleines Licht geht an auf der Bühne. Das Konzert beginnt mit dem wohl bekanntesten Song der neuen CD, This Is The New Shit, bei der es , so hatte es Manson formuliert , um das Thema Beziehungen geht. Rechts auf der Bühne erscheint John 5, dessen Name indiziert, dass er bereits der fünfte Gitarrist der Band Marilyn Manson ist, hinter ihm Madonna Wayne Gacy an den Keyboards. Ginger Fish am Schlagzeug. Links der nicht mehr ganz neue Bassmann Tim Skold, der die Stelle des langjährigen Bassisten Twiggy Ramirez aka Jeordie White eingenommen hat. Twiggy Ramirez, der es vermocht hatte, der Gruppe Marilyn Manson wenigstens zeitweilig ein zweites Gesicht zu verleihen, wurde von Brian Warner im Mai 2002 gefeuert und spielt seit eineinhalb Jahren nicht mehr in dieser Band.

Marilyn Manson kommt auf einem Lift vom Bühnenhimmel herabgeschwebt. Der oben swebt ...
Aber er bleibt nicht lange oben. Eingerahmt von einem silbrig glänzendem MM-Logo, ist Marilyn Manson bald unten auf der Bühne angekommen und singt This Is The New Shit. " Do we need it? - No! - Do we want it? - Yeah!" Aus einer ganz anderen Perspektive, weit oben unter der Kuppel, höre und sehe ich God Is In The TV und mOBSCENE mit dem Schriftzug des Stückes in großen roten Lettern im Hintergrund. Zwei Models räkeln sich auf Podesten. Dann ertönt Tainted Love. Nach gut 80 Minuten endet das Konzert der Grotesk Burlesk Tour und markiert den vorläufigen Höhepunkt in der Auseinandersetzung des Posterboy Of Fear aus Canton, Ohio, mit dem Land Amerika, das einen wie ihn als Sündenbock erkiest und das Marilyn Manson auf seine Weise ebenso braucht, um kreativ zu sein.