25.03.2004

Treibstoff für Raumschiffe

von Eckhard Fürlus

Ein Gespräch mit Knarf Rellöm und DJ Patex über Musik, Mythen und Sun Ra

21. März 2004. 18 Uhr. The space is the place.
Knarf Rellöm steht im Raumanzug (gelbe Öljacke) vor dem Café Morgenrot in der Kastanienallee und telefoniert. Von hier bis in die Weiten des Outer space ist es nur ein kurzer Schritt. Für den heutigen Abend ist das zweite Konzert von Knarf Rellöm with the Shi Sha Shellöm anberaumt.

Knarf ist unzufrieden mit seiner Frisur; er erwägt die Möglichkeit, sich die Haare schneiden zu lassen und gleichzeitig das Interview zu führen. Im gegenüberliegenden Café sind alle Tische besetzt; als Ort für das Interview kommt es nicht in Frage. Wir setzen uns in den Veranstaltungsraum unter eine Glühbirne. Hinzu kommen DJ Patex und die Frisörin Sandra (Knarf: "Sun Dra"). Sandra sucht nach einem Handtuch. Dann beginnt sie mit ihrer Arbeit.

Eckhard Fürlus: Ich habe in der Szene Hamburg diese schöne Story mit der Hörprobe gelesen mit Euch beiden. Ein wenig enttäuschend war der Schluß. Da heißt es: "Das war das letzte Stück." - "Dann sind wir jetzt dran." Was ihr dann auflegt, erfährt man gar nicht. Was habt ihr aufgelegt?

Knarf Rellöm: Ja, ich wollte die Journalisten, die so viel kennen, und alles kennen und so, die wollte ich erstmal mit meinem Lieblingsrätsel konfrontieren, das Stück Schwesterlein von der Gruppe S.Y.P.H., das so unglaublich wie Blumfeld klingt, und das vor Blumfeld ist ...

DJ Patex: Und das niemand kennt, offensichtlich ...

Knarf Rellöm: Und damit kann man Journalisten total durcheinander bringen. Ich habe denen also S.Y.P.H., Schwesterlein - das Stück ist von 85, also vor Blumfeld, ...

DJ Patex: Das klingt wie Blumfeld, das sind die Harmonien, du hörst aber genau: das singt nicht Jochen, und das ist so verwirrend daran.

Knarf Rellöm: Man sieht nur Gesichter mit Fragezeichen. Eh, was is'n das? Das klingt wie ... aber. Und dann sage ich auch noch: Ja, und das ist vor Blumfeld. Was haben wir denen noch vorgespielt? Ich weiß gar nicht mehr genau ... Was haben wir ihnen noch vorgespielt?

DJ Patex: Bobby Conn vielleicht, oder so was?

Knarf Rellöm: Ja genau, Bobby Conn. Die neue Platte von Bobby Conn. Kennst du die?

Eckhard Fürlus: Leider nicht. Nee.

Knarf Rellöm: Die ist toll, weil er die ganze Zeit Bezug auf den Irak-Krieg nimmt in der Beziehung, daß er so komische Sprüche bringt wie: wir kommen doch als eure ... als die Guten ...

DJ Patex: Als eure Friedensbringer ... was habt ihr denn gegen uns ...

Knarf Rellöm: wir bringen euch den Frieden... und er geht sehr ironisch mit dem ganzen Ding um, und das als amerikanischer Künstler, das ist schon sehr interessant, wie er's macht.

DJ Patex: Das dann gleichzeitig mit diesem Glam Rock ...

Knarf Rellöm: Also wenn du die mal findest, hören kannst, das ist einfach ...

DJ Patex: Beziehungsweise live sehen, das ist eine ziemlich gute Performance.

Knarf Rellöm: Phantastisch.

Eckhard Fürlus: Ja, ist schon abgespeichert.

Knarf Rellöm: Die Musik ist so David Bowie Glam, Rock aus den siebziger Jahren ...

DJ Patex: Ja.

Knarf Rellöm: ... und dazu dann diese gaga-Texte, wie: Wir bringen euch die Demokratie. Warum guckt ihr uns so feindselig an? Diese Paranoia, die da drin ist, die ist sehr schön. Was haben wir denen noch vorgespielt, Patex?

DJ Patex: Oooch, mir ist schwindelig.

Knarf Rellöm: Jaa, ...

Eckhard Fürlus: Denn es sind sehr viele Namen dabei gewesen, die ich auch nicht vom Hören kannte.

DJ Patex: Was denn zum Beispiel?

Knarf Rellöm: Die Musik, die sie uns vorgespielt haben, meinst du.

Eckhard Fürlus: Genau.

DJ Patex: Was denn? Was denn zum Beispiel?

Eckhard Fürlus: Also, ich weiß nicht, wie man's spricht: G U Z, Guz, ...

DJ Patex: Guz.

Knarf Rellöm: Guz. Das ist der Sänger der Aeronauten, die Schweizer Band, mit der ich viel gemacht habe ...

Sandra: Ich muß mal näher rücken.

Knarf Rellöm: So? oder soll ich mich auch drehen? Ich kann mich auch drehen.

Sandra: Nee, nee, red' mal weiter.

Knarf Rellöm: Genau. Mit der ich viel gemacht habe, und Guz ist sein Soloprojekt. Da verwirklicht er die Ideen, die mit den Aeronauten nicht so richtig funktionieren. Genau.

Eckhard Fürlus: Ich komme mal zu meinem Frangenkatalog. Knarf Rellöm, das ist für mich auch bei wechselnden Besetzungen ein fester Begriff. Und deswegen habe ich Knarf Rellöm Ism oder auch die erste CD oder die dritte CD nicht vor REM eingeordnet, sondern das steht bei mir zwischen Kinks und Kraftwerk.

Knarf Rellöm: Hm!

DJ Patex: Das ist gut.

Eckhard Fürlus: Deswegen - mich wunderte, daß es unter R subsummiert wird. Es ist also nicht ein - wie soll ich sagen? - ein Block oder ...

Knarf Rellöm: Es ist ein Name.

Eckhard Fürlus: Ja, aber Rellöm ist eben der Nachname, und es sollte dann dementsprechend unter R eingeordnet werden?

Knarf Rellöm: Ja. Genau. Also, es ist einfach so: Ich glaub', jeder Musiker träumt davon, ein eigenes Fach im Plattenladen zu haben, wo sein Name drauf steht. Dann hat er es geschafft, oder was. Und mit diesem Blödsinn wollte ich so'n bisschen rumspielen und dachte mir, wenn ich die Platte so nenne, dann ist das so absurd, daß die Leute ..., so nüchtern, das ist ja schon fast nicht mehr erlaubt - nüchtern. Einige Leute haben mich auch gefragt, ob ich mich über REM lustig machen würde oder ob ich die nicht so gut finde oder ob ich sie besonders gut finde. Nichts von allem, meine ich. Es war so ganz nüchterner ..., so wie: file under easy listening oder so was. Genau.

Eckhard Fürlus: Ja. So hab ich's auch ...

Knarf Rellöm: Aber nimm Knarf Rellöm auch als Begriff, als Maschine oder was; dann kannst du natürlich das K nehmen. Aber sonst: Bob Dylan hast du wahrscheinlich auch zwischen Descendence und Doors stehen, und nicht zwischen Beach Boys und Beatles.

Eckhard Fürlus: Das stimmt, ja. Dann nehme ich's als Name und werde eine ...

DJ Patex: Umsortierung vornehmen.

Knarf Rellöm: Also nee. Ganz grundsätzlich kann das jeder so halten, wie er's will. Dieser Titel bot sich einfach an als so 'ne nüchterne Sache ...

Sandra: Trägst du Scheitel?

Knarf Rellöm: Trage ich Scheitel?

N. N.: Gute Frage.

Sandra: Rechts, links, mittel?

Knarf Rellöm: Eigentlich nicht.

Sandra: Gar nichts. Eigentlich nur so.

Knarf Rellöm: Ich kämm' sie eben gerne so tollenmäßig zurück, aber machst du jetzt irgendwie so'n Scheitelding, dann würde ich vielleicht mal Scheitel tragen. Warum eigentlich nicht?

Sandra: Gut. Ok. Weiter geht's bei euch.

Eckhard Fürlus: Gut.

Knarf Rellöm: Genau. Finde ich aber auch gut, daß jetzt die Frage: Trägst du Scheitel? drauf ist.

Eckhard Fürlus: Im zweiten Album ...

Knarf Rellöm: Darf ich noch ganz kurz was zwischendurch sagen?

Eckhard Fürlus: Ja.

Sandra: Das Problem beim Scheitel sind natürlich die Geheimratsecken.

Knarf Rellöm: Das fühlt sich schon mal sehr gut an, Sandra, und so eitel bin ich nun auch wieder nicht. Dann habe ich eben Geheimratsecken. Meine Güte.

Sandra: Ein bisschen so ... so'n bisschen was Deutsches halt ...

Knarf Rellöm: Was Deutsches?!?

Sandra: Du kriegst jetzt so'n Nazi-Schnitt.

Knarf Rellöm: Ich wollte noch sagen, daß unsere Musik sehr international ist.

Eckhard Fürlus: Dann komme ich zur zweiten Frage aus meinem Katalog ...

DJ Patex: Sehr gut.

Eckhard Fürlus: ... und zwar: Knarf Rellöm Ism - in diesem CD Titel klingt ja an, was auch auf den CDs selbst Programm zu sein scheint, nämlich dieses Spiel mit deutschen und englischen Sprachversatzstücken.

Knarf Rellöm: With the Shi Sha Shellöm heißt sie auch.

Eckhard Fürlus: Ja, das ist jetzt die aktuelle. Ja, aber auch bei Ism ...

Knarf Rellöm: Genau. Oder Ladies Love.

Eckhard Fürlus: Ja, natürlich. Und ist das eine Möglichkeit oder eine Strategie, sich bewusst Klassifizierungen zu entziehen?

Knarf Rellöm: Das glaube ich schon. Gleichzeitig ist es auch dieses Spiel, das wir so sehr lieben, mit diesen Versatzstücken, wie zum Beispiel also - Ladies Love kommt von LL Cool J, der immer gefragt wurde, was denn LL bedeutet in seinem Namen, und dann Ladies Love geantwortet hat. Und Knarf Rellöm with the Shi Sha Shellöm kommt von Snoop Doggy Dog, der eine Tele Dizzle Whizzle Shizzle Show macht und so was. Wenn du mit diesen Sachen spielst, klingen die immer viel cooler in Englisch, in International, sozusagen. Wenn du versuchst, sie in Deutsch zu machen, kommt Hippiekacke dabei raus, häufig. Wortspiele in Deutsch ...

DJ Patex: Aber das kommt natürlich darauf an, das ist von Fall zu Fall ...

Knarf Rellöm: Ja, kann man auch nicht generell sagen, genau. Aber die meisten Wortspiele heutzutage finden wahrscheinlich im Hip Hop statt, würde ich mal sagen.

Eckhard Fürlus: Ich saß gestern am Spätnachmittag mit meiner Freundin beim Thailänder unseres Vertrauens, und wir hatten nur noch einen Hockerplatz erwischt, und als wir rausguckten, las ich im Laden gegenüber SHISHASTYLER. In einem Wort geschrieben. In der Münzstraße. Was für ein Laden das ist, weiß ich nicht. Wir haben versäumt, da in die Schaufenster zu gucken.

Knarf Rellöm: SHISHASTYLER. Toll. Sehr gut.

Eckhard Fürlus: In einem Wort. Das nur am Rande.

Knarf Rellöm: Ich möchte noch mehr dazu sagen. Dann mag ich die Englische Sprache, weil sie eben diese universale Popsprache ist, ...

Sandra: Würdest du mal nach unten gucken?

Knarf Rellöm: ... in der man - wenn man zum Beispiel sagt: I love you. Dann schwingt sogar noch Hollywood mit. Und Popmusik. Während, wenn du sagst: Ich liebe dich ...

DJ Patex: Klingt's nach Schlager.

Knarf Rellöm: Könnte Schlager mitklingen, und auf jeden Fall ist I love you spielerischer als ich liebe dich.

DJ Patex: Ist distanzierter.

Knarf Rellöm: Genau. Und so kannst du natürlich auch, wenn du die Popmusikmythen ausschlachtest, so sehr viel mehr mittransportieren. Also ich singe einfach I got a Rolls Royce 'cause it's good for my voice, und das passt mir als Versatzstück sehr gut in meinen Song, und es ist eigentlich von T. Rex. Und damit wahrscheinlich so'n komischer witziger Größenwahn bei denen, oder so was. Also Englisch singen als Strategie, Englisch mit Deutsch mischen als Strategie ist also sozusagen auch noch mehr Möglichkeiten mit rein zu nehmen in seine Musik.

Eckhard Fürlus: Trio werden als Vorbilder genannt im Szene Hamburg Text, und von Konzerterfahrungen mit The Gun Club ist die Rede. Darüber wüsste ich gerne mehr.

Knarf Rellöm: Ja, die Konzerterfahrung mit The Gun Club ist keine, so daß wir zusammen mit denen gespielt haben, sondern das äußere ich in einem Lied, das heißt Autobiographie einer Heizung auf der Ladies Love, und da erzähle ich, daß ich vom Land in die Stadt komme und gelesen hab', dass man auf diese Konzerte gehen muß, und bin dahin gegangen und dachte: ich seh nicht gut aus, ich hab keinen guten Haarschnitt, die Musik finde ich nicht so richtig gut, aber irgendwie muß sie ja cool sein, dieses komische Provinzstadtding als Gegensatz. Und diese Unsicherheit von jemandem, der sozusagen erwachsen wird und nicht genau weiß, wo er hingehört, das schildere ich in dem Song, und da geht's wohl auch in dem Szene Anfangsdings. Es ist 'ne Beschreibung von dem, was ich mache. Ja, genau. Und Trio sind natürlich auch, um wieder zurück an die Stelle zu kommen, mit dem Englisch/Deutschen und dem Rumarbeiten mit Mythen sind Trio natürlich auch ein supergutes Vorbild. Mittendrin kommt auf einmal "Sunday you need love, Monday be alone". Irgendwann habe ich das Lied gefunden, das ist aus den Fünfzigern oder Sechzigern, ich weiß gar nicht mehr von wem. Das haben die gecovert. Das ist nicht von denen. Das machen sie viel. Zum Beispiel ihre Banderkennungsmelodie ist ja (singt): Trio - Trio. Bommerlunder and me wanna go home. Ist - glaube ich - Harry Belafonte.

DJ Patex: Hm - mm.

Knarf Rellöm: Genau. Und das findet man bei Trio sehr, sehr viel. Und man - übrigens, ganz kurz, nochmals zwischendurch: Man hat auch Spaß an diesen Sachen, wenn man das Original nicht kennt. Und der Spaß wird noch viel größer, wenn man später das Original kennt und sagt: Aha.

DJ Patex: Das muß ja auch so funktionieren. Es soll ja auch keine Spezialistenmusik sein, die man nur versteht, wenn man das und das gehört und gelesen hat. So ist es nicht. Es ist ja nichts hermetisch Abgeschlossenes.

Knarf Rellöm: Ja, genau. Da hat Patex vollkommen recht. Unsere Musik ist nicht so'n Spezialisten ich-kenn-das-alles und das ist nur für die Kenner. Nein, nein. Wir machen schon Popmusik, von der wir eigentlich wollen, daß es Millionen hören. Nur machen wir eben aus finanziellen und aus anderen Gründen Sachen nicht mit, die dann so fett werbungsmäßig sind. Aber die Musik, die soll schon für'n Massenpublikum sein. Wenn sie's dann nicht ist, tja, haut halt nicht hin, aber es ist auf keinen Fall gedacht als Spezialistenmusik nur für die Kenner und Auserwählten.

Eckhard Fürlus: Ich denke, wenn ich diese Texte lese - also die Beipackzettel von den CDs oder auch Szene Hamburg: Was kenne ich alles nicht, und wie viel ist mir entgangen, und wie viel mehr würde sich mir die Musik erschließen, wenn ich das alles im Hinterkopf hätte.

Knarf Rellöm: Ja, aber dafür kannte ich das Ganze, was du über den modernen Komponisten vorhin gesagt hattest, nicht. Dafür kenne ich halt andere Sachen nicht.

Eckhard Fürlus: Ein aktuelles Bandfoto, was man auch auf der homepage von What's so funny about .. sehen kann, ist das mit dem Treppengeländer. Und mit den Helmen. Mirrorball.

Knarf Rellöm: Mirrorball?

Eckhard Fürlus: Ja, da sind doch diese Spiegelteile drauf.

Knarf Rellöm: Ja, genau.

Eckhard Fürlus: Und was man als erstes assoziiert, sind natürlich Beatles und - Neil Young.

Knarf Rellöm: Warum?

Eckhard Fürlus: Neil Young wegen Mirrorball, natürlich.

Knarf Rellöm: Aha.

Eckhard Fürlus: Aber es ist nicht beabsichtigt.

Knarf Rellöm: Sollen wir jetzt sagen, daß wir es nicht beabsichtigt haben? Aber schön ist es ja, wenn es so wäre. Die Geschichte ist ganz einfach: Das waren unsere Kostüme für unser Video. Wir haben nämlich ein Video gedreht, wo wir als Außerirdische so, wie wir da aussehen, auf die Erde kommen ...

DJ Patex: ... und Rockstars werden.

Knarf Rellöm: Und wir bringen den Menschen die Rockmusik, sozusagen. Und jeder will ein Exklusiv-Interview mit uns haben. Und eine Journalistin kriegt das Exklusiv-Interview, und ich öffne meinen Brustpanzer und nehme mein Herz, das irgendwie zwischen Digitalsachen dazwischen ist, heraus und zerdrücke es. Die Journalistin sagt zu ihrem Filmteam: Schluß jetzt, und so. Dann fliegen wir wieder weg. Und dann kommen hunderte von Raumschiffen.

DJ Patex: Invasion.

Knarf Rellöm: Wahrscheinlich neue Rockstars, außerirdische Rockstars. Genau.

Eckhard Fürlus: Dieses Video ist schon fertig?

Knarf Rellöm: Das ist schon fertig. Das lief schon auf Viva bei Charlotte Roche.

DJ Patex: Du kannst es auch runterladen auf der What's so funny about .. Seite.

Knarf Rellöm: Genau. Du findest es auf der Seite, auf der What's so funny about .. Seite, und die Kostüme waren so toll und so gut gemacht, daß wir gesagt haben: Natürlich, lasst uns doch auch Fotos da drin machen. Und wir haben nicht an Beatles und Neil Young gedacht, aber darf's gerne sein.

Eckhard Fürlus: Ich würde gern auf eine ...

Knarf Rellöm: Noch eine kurze Sache. Wir haben bei dem Video, als wir's gedreht haben, haben wir als Vorbild schon den wahrscheinlich dir sehr gut bekannten Musiker Sun Ra gehabt.

Eckhard Fürlus: Ja, natürlich. Auf den komme ich auch noch zu sprechen.

Knarf Rellöm: Ja, ok. Und in dem Video, es gibt ein Video von ihm, das heißt - Sun Ra, das Video von Sun Ra? - das heißt Space is the place, natürlich, genau, der Film! Der Film Space is the place, und da landet er auch auf der Erde, und bringt ...

Sandra: Paß mal auf, ganz kurz ...

Knarf Rellöm: ... und bringt den Menschen Jazz - (zu Sandra:) Ja, ich glaub, du kannst hier ruhig davor gehen, weil ...

Sandra: Ja, ja, weil - du musst jetzt mit mir sprechen, praktisch, ist komisch, weil ich gucken muß ...

Knarf Rellöm: Ja, macht nichts. Er bringt den Menschen Jazz auf die Welt ...

Sandra: ... ist eh klar, oder?

Knarf Rellöm: Ja, ja, genau. Und der Film war so'n bisschen Vorbild für unser Video. Er hat auch einen goldenen Helm auf, der ist nicht ganz so Mirrorball, aber er hat so'n komischen Helm auf, und seine ganze Philosophie ...

Eckhard Fürlus: Und so ein Objekt hat er in der Hand ...

Knarf Rellöm: ... und seine ganze Philosophie spielt sehr mit, zum Beispiel - man kriegt ja immer noch mal wieder die Frage gestellt: Warum machst du Musik? Und ich habe mir angewöhnt nur noch zu antworten mit Sun Ra: Weil das Treibstoff für Raumschiffe ist. Und weil die Raumschiffe unbedingt fliegen müssen, und deswegen muß Musik gemacht werden. Das ist seine ewige Antwort, und das ist natürlich phantastisch.

Eckhard Fürlus: Schlechte Bands heißen Echt oder Pur. Leute, die Echt oder Pur hören, hören nicht unbedingt Knarf Rellöm Ism oder Knarf Rellöm with the Shi Sha Shellöm. Oder gibt es Leute, die diesen Spagat hinbekommen?

Knarf Rellöm: Nee.

DJ Patex: Weiß ich nicht. Wär doch schön.

Knarf Rellöm: Ja.

Eckhard Fürlus: Bekommt ihr ein feedback von euren Hörern? Ich meine, das interessiert mich eben auch in Bezug auf die Philosophie in den ...

Knarf Rellöm: Fertig? Schon fertig?

Sandra: Jetzt hast du eine flotte ... mal gucken ...

Knarf Rellöm: Toll, fühlt sich jedenfalls super an.

Sandra: ... jetzt oben natürlich so was wie auf Scheitel geschnitten.

Knarf Rellöm: Sehr gut. Sehr gut. Fühlt sich gut an.

Sandra: So, jetzt mal von vorn.

DJ Patex: Ja, toll.

Knarf Rellöm: Ich möchte noch kurz was zu Echt und Pur sagen. Das sind die einfachsten Gegner; das ist langweilig, natürlich. Es geht an der Stelle aber um was anderes. Es geht da an der Stelle darum, daß sich diese Bands mit Bedacht so genannt haben, nämlich auf diesen Mythos anspielend: Ich bin ein ehrlicher Musiker. Ich bin echt, ich bin pur. Gibt es eigentlich schon eine Band, die Authentisch heißt? Und eine Band, die Ehrlich heißt. Weil - die müsste es jetzt auch demnächst noch geben. Und es geht gar nicht so sehr um Echt und Pur, weil das zu einfache Gegner sind. Es geht auch um Punkrocker, Technomusiker, Leute, die uns umgeben, die auch von Ehrlichkeit und Echtheit und Authentizität reden. Gerade waren wir mit der Jens Friebe Band auf Tour, und da war ein Musiker dabei, der heißt Hans. Von einer in der DDR ziemlich bekannten Band namens Herbst in Peking. Und der meinte zu mir: Ich versteh' nicht, was du gegen Authentizität hast. Du bist doch der authentische Musiker überhaupt. Du hast so ein Renomme als dieser Knarf Rellöm, das ist doch ein echter Musiker. Und so weiter und so fort.

DJ Patex: Er füllt den Begriff halt ganz anders. Er meinte, daß in der DDR das Authentische war eben, gegen das System zu sein, also sich da abgrenzen zu können und dieses echt zu sein eben auch als Musiker da irgendwie auch in Opposition zu gehen, das war für ihn das Authentische daran, und deswegen belegt er den Begriff auch so positiv und versteht das so.

Knarf Rellöm: Ja, aber nichtsdestotrotz: immer, wenn man so argumentiert mit echt, pur, ehrlich, authentisch, zieht man sich immer auf irgendeine letzte mythische Bastion zurück, die man nicht mehr erklären kann, und die nervt. Ich bin eben nun mal ehrlich; ich bin eben nun mal echt und so'n Zeug. Und das nervt. Egal, ob man das wahrscheinlich ... in der DDR als Gegener des Regimes hat's wahrscheinlich was ausgemacht, das machen die Linksradikalen in Westdeutschland natürlich auch oder in Großdeutschland jetzt, die Antideutschen oder was weiß ich. Aber es nervt, dieses Zurückziehen auf das Echte, Authentische, Ehrliche, den letzten Mythos. Der nervt einfach.

Eckhard Fürlus: Das ist ja auch diese Zweischneidigkeit, die ja auch die Beatles Fans von den Rolling Stones Fans unterschieden hat. Die Beatles als künstliche Gruppierung und die Stones mit der sogenannten Street credibility.

Knarf Rellöm: Ja, das hätte ich gestern auf die Frage antworten sollen, warum ich lieber den Begriff Pop als den Begriff Rock benutze. Aber das kommt mir jetzt viel zu spät in den Sinn. Daß das ehrliche, schweißdurchtränkte einfach viel beschissener, nerviger ist als das künstlich gemachte Produkt. Aber es ist ein ewiger Mythos. Und es war auch gestern in der Diskussion, es gab gestern vor dem Konzert eine Diskussion über Musik und Politik. Was bedeutet es, linker Musiker zu sein. Und da kamen sie wieder, die ganzen ...

N. N.: Hallo.

Knarf Rellöm: Hallo.

N. N.: Du hast die Haare geschnitten.

Knarf Rellöm: Ja. Da sitzt die Künstlerin.

N. N.: Hallo.

Sandra: Hallo. - Ich hab die Haare geschnitten.

N. N.: Ach so. Ich dachte schon: Welche Künstlerin? - Und? Geht's euch gut?

Knarf Rellöm: Ja. Wir machen gerade ein Interview.

N. N.: Ah, ok.

Knarf Rellöm: Wir sind mitten drin. Wir reden gleich miteinander, ja?

Eckhard Fürlus: So lange wird's nicht mehr dauern. - Ja, auf Fehler is king hatte Tobias Levin von Cpt. Kirk & mitgespielt und Victor Marek ...

Knarf Rellöm: Hmm. Mitgespielt und vor allem produziert. Er ist ja ein Studiofuchs, jetzt.

Eckhard Fürlus: ... und auf Fehler is king ist er auch schon dabei. An welche Bedingungen sind neue Bandformationen geknüpft? Der Aufenthaltsort scheint dabei keine Rolle zu spielen, ob das nun Zürich oder Hamburg ist, ist eigentlich nebensächlich, nicht?

Knarf Rellöm: Ja. Jetzt ist es nebensächlich. Früher war's nicht nebensächlich, weil - da musste ich erst mal Menschen kennen lernen, und jetzt ist es - sagen wir mal - nebensächlich in der Beziehung, daß wir beide jetzt überall Menschen kennen, mit denen wir Musik aufnehmen können und machen können, nicht. Das neueste Angebot kommt jetzt gerade aus Nürnberg. Genau.

Eckhard Fürlus: Darf man schon mehr erfahren?

Knarf Rellöm: Das ist gar nichts besonderes. Es gibt eine Band von dem Veranstalter in Nürnberg, die heißt Body in the huddle. Sind ganz unbekannt. Er ist einfach ein saunetter Kerl. Er hat Ahnung von Musik; er mischt uns da immer ab, und jetzt haben wir von seinem Kumpel gehört, daß er auch ein Studio hat und bestimmt Lust hätte, uns aufzunehmen. Und so was ergibt sich sehr oft.

Eckhard Fürlus: Dann bin ich schon durch.

Knarf Rellöm: Ah ja. Die Sun Ra Frage war dann ...

Eckhard Fürlus: Die Sun Ra Frage ...

Knarf Rellöm: ... beantwortet, ohne daß du sie gestellt hast.

Eckhard Fürlus: Ich kann die Frage einmal vorlesen.

DJ Patex: Jetzt kommt's raus: Du hast gar keine Frage.

Eckhard Fürlus: Hier: Es gibt immer wieder Verweise auf andere Bands. Mark E. Smith von The Fall, Robert Wyatt und selbst Sun Ra werden auf dem Presse-Info des Labels bemüht, Formationen, deren Einfluß für Knarf Rellöm bekannt wird, aber auch Gruppen, von denen ihr euch abgrenzt.

Knarf Rellöm: Genau. Und die Philosophie von Sun Ra kann einen auf superviele Ideen bringen, zum Beispiel auch, sich einmal mit dem Thema Außerirdische zu beschäftigen. Und dann habe ich so'n Text geschrieben, und irgendwann habe ich gemerkt, der passt saugut zur Musik. Den spielen wir heute abend auch. Den haben wir nicht auf die Platte genommen. Und das ist ein bisschen ärgerlich. Deswegen muß die nächste Knarf Rellöm Platte sofort raus. Und da geht's darum, daß ich Besuch kriege von Außerirdischen, die bewegen sich nicht in unterirdischen ... äh: Quatsch ...

DJ Patex: Ufos.

Knarf Rellöm: ... in fliegenden Untertassen fort. Ihre Raumschiffe sehen aus wie italienische Kaffeemaschinen. Und die fliegen in mein Zimmer rein, und als sich das Raumschiff öffnet, höre ich, daß sie an Bord des Raumschiffes Musik hören. Das ist diese Idee mit Treibstoff und so weiter und so fort. Und die hören Sun Ra an Bord. Natürlich hören die Sun Ra an Bord. Und zwar - dann singen wir auf der Bühne: Und an Bord des Raumschiffs hören Sie folgendes Stück ... Und dann singen wir: Space is the place, space is the place und so weiter und so fort. Und das kommt alles von - ich lese drei Sätze von Sun Ra und denke: Dazu fällt mir 'ne tolle Geschichte ein, und dadurch entsteht unsere Musik.

Befragt nach ihrem Eindruck von Knarfs neuer Frisur, meinte meine Begleiterin nach dem Konzert: "Na ja, geht so." Sie muß es wissen; sie ist vom Fach.