Niobe
28.10.2004

Niobe

von Christian Meyer

Die CD beginnt mit einem Wirbelsturm: wild hämmernde Rhythmen leiten das Opus ein, begleitet von tribalistischen Gesängen. Dass das Wort Voodoo im Titel des Albums vorkommt, das erste Stück heißt "Vodooluba TV Show" und integriert eine deutschsprachige Anmoderation, kann da kaum verwundern. Die Kölner Musikerin Yvonne Cornelius wurde im letzten Jahr für ihr Debutalbum "Tse Tse" allerorten gefeiert. Von dem britischen Magazin The Wire über De:Bug zu SPEX war man sich einig, dass hier jemand alle denkbaren Freiheiten der Musik radikal ausschöpfte. Die Reaktionen werden bei ihrer aktuellen Platte kaum moderater ausfallen, denn auf "Voodooluba" hat sie noch einige Überraschungen auf Lager.

Es ist kein Zufall, dass beide Album-Titel mit Stichen und Fieber assoziiert werden können. Eine hektische, fieberhafte Stimmung prägt die Musik von Yvonne Cornelius. Gleichzeitig ist sie durchsetzt von scheinbar willkürlichen Brüchen, Sprüngen und Wendungen. Denn es bleibt keinesfalls bei den tribalistisch anmutenden Klängen des Openers: Ebenso finden sich verweise auf andere Folkloren – aus Asien, Afrika, Südamerika oder Europa, aber auch auf Jazz, Swing oder Avantgarde-Musik. Und immer findet sich zwischen all den wilden Rhythmen, obskuren Geräuschen oder verträumten Gitarren die Stimme von Yvonne Cornelius, die zuletzt auf dem aktuellen Album von Mouse on Mars, "Radical Connector", als Gastsängerin zu hören war. Dort fungierte sie als verbindendes Element für die harschen elektronischen Splittersounds. Auch auf ihrem eigenen Album ist ihre Stimme der rote Faden durch die musikalisch radikalen Verbindungen. Mal weht ihre Stimme aus der Ferne melancholisch wie Billy Holliday herbei, oder delirös durch allerlei Krach hindurch, mal singt sie in Kunstsprache oder ihre Stimme ist elektronisch verfremdet.

Niobe inhaliert die für uns "exotischen" Musiken dieser Welt und transformiert sie in ihren eigenen ästhetischen Kosmos. So entsteht eine ganz persönliche, artifizielle Weltmusik, die kaum noch auf eine reale Wirklichkeit zurückzuführen ist. Dadurch geht von ihr aber auch eine Magie aus, die wesentlich reizvoller sein kann, als die Authentizitäts-Mythen in der so genannten Weltmusik.