15.03.2005

„... thank you for the days“

von Eckhard Fürlus

Doug Hinman dokumentiert 35 Jahre The Kinks – All day and all of the Night

Ich erinnere mich an eine Autofahrt 1965 im Familienkreis in das von unserem Wohnort nicht weit entfernt gelegene Oldenburg. Während der Fahrt durch Stadt sah ich im Vorbeifahren ein Plakat mit der Ankündigung eines Konzerts einer meiner – neben den Yardbirds, den Pretty Things und Them, noch vor den Beatles und den Rolling Stones – damaligen Lieblingsbands: The Kinks. The Kinks in Oldenburg! In der Weser-Ems-Halle. Die Heroen aus London in den Niederungen der Provinz. Nicht zu fassen!

Was hätte ich darum gegeben, diese Band, zu der ich mir eine Sammlung mit Artikeln und Fotos aus Musikmagazinen angelegt hatte, einmal live zu erleben! Doch der Wunsch, dieses Konzert zu besuchen und The Kinks live spielen zu sehen, wäre sofort an einem Veto der Eltern gescheitert, war damit in weite Ferne gerückt und wurde bald ganz verdrängt. Alles, was mit Beatmusik zu tun hatte, brachte damals die Welt und die Werte der Erwachsenen ins Wanken und war somit inakzeptabel und indiskutabel. Geblieben ist die Erinnerung an das Plakat und an die alles überlagernde Gewißheit der Unmöglichkeit, mit meinen damals gerade mal zwölf Jahren an diesem Konzertereignis teilzuhaben.

Als Ray Davies einmal nach seiner Autobiographie „X-Ray“ gefragt wurde, antwortete er, daß er Bücher, die lediglich Daten, Fakten und Personen aufzählen, eigentlich nicht mag. „Let someone else document that.“ Doug Hinman hat dieses Buch geschrieben und vorgelegt. Als Übernahme von Backbeat Books hat der Olms Verlag Zürich diesen gewichtigen Folianten in sein Programm aufgenommen. Anhand des Buches von Doug Hinman ist es möglich, das eingangs erwähnte Oldenburger Kinks Konzert auf den 17. Oktober 1965 zu datieren; gespielt haben die Kinks dort um 20 Uhr mit The Lords, Tony Sheridan & His All Stars und The Black Stars, nachdem sie am selben Tag bereits um 16 Uhr in der Delmenhalle in Delmenhorst aufgetreten waren.

  • Ray Davies

35 Jahre The Kinks. Auf den 352 Seiten des Buches kann man sich wirklich umfassend darüber informieren, womit The Kinks in den dreieinhalb Jahrzehnten ihrer Karriere von 1961 bis zur Trennung der Brüder Ray und Dave Davies und somit zum endgültigen Bruch der Band 1996 beschäftigt waren. – Konzerte, Schallplattenaufnahmen und Radiosendungen, alles das hat Doug Hinman in seinem Buch, The Kinks – All day and all of the Night, akribisch recherchiert, dokumentiert und zusammengestellt. Die Privatsphäre bleibt ausgespart, und nur dort hat der Autor den Focus auf das Privatleben der Band und der Musiker gerichtet, wo es für die Beschreibung ihrer Arbeit während der Konzerte und bei den Schallplattenaufnahmen wichtig ist.

The Kinks – das sind im wesentlichen die in einer englischen Arbeiterfamilie aufgewachsenen Brüder Raymond Douglas Davies und David Russell Gordon Davies, kurz Ray und Dave. Auftritte bestreiten sie zunächst als Ray Davies Quartet, später als The Ravens (benannt nach dem Gedicht „The Raven“ von Edgar Allen Poe), bis sie sich Ende 1963 endgültig in The Kinks umbenennen. Zu Beginn ihrer Karriere gehörten zur Band der Bassist Peter Quaife und der Schlagzeuger Mick Avory. Eine erste Veränderung in der Besetzung der Kinks ergab sich, als 1968 durch den Ausstieg von Peter Quaife die frei gewordene Stelle des Bassisten durch John Dalton besetzt wurde. Ihr intelligenter und intellektueller, oft ironischer, bisweilen selbstreflexiver Songwriter-Rock reicht von frühen R’n’B inspirierten Nummern wie „I Took My Baby Home“ und „You Still Want Me“ bis hin zu komplexen und konzeptuellen Alben wie „Arthur Or The Decline And Fall Of The British Empire“.

In seinen Texten hat Ray Davies häufig Personen aus unterschiedlichen Schichten der britischen Gesellschaft ins Visier genommen und portraitiert, [...]

Für die meisten Kompositionen zeichnet der Sänger, Gitarrist und Komponist Ray Davies verantwortlich, mitunter ist Dave Davies als Co-Autor dabei. In seinen Texten hat Ray Davies häufig Personen aus unterschiedlichen Schichten der britischen Gesellschaft ins Visier genommen und portraitiert, so z. B. den „Well Respected Man“; vorzüglich gelingt ihm dies auf dem großartigen Album „Something Else By The Kinks“ aus dem Jahr 1967, auf dem „David Watts“, „Two Sisters“, „Harry Rag“, der „Tin Soldier Man“ und der „Death Of A Clown“ besungen werden. Songs wie „Afternoon Tea“, „End Of The Season“ und „Waterloo Sunset“ beschreiben Situationen und Szenen des Britischen Empires im Niedergang, und es gibt Liebeslieder wie „See My Friends“, „You Really Got Me“, oder eben jenes „All Day And All Of The Night“, dem das Buch von Doug Hinman seinen Titel verdankt. Songs wie „Dandy“ oder „Dedicated Follower Of Fashion“ sind dem jüngeren Bruder Dave und seinen dandyhaften Attitüden während der 60er Jahre gewidmet. „Hatred“ vom Album Phobia aus dem Jahr 1993 resümiert die Beziehung der beiden ungleichen Brüder und deren Zusammenarbeit während der vielen gemeinsamen Jahre.

Was The Kinks im Gegensatz zu vielen anderen Bands der 60er und frühen 70er Jahre vermochten und was diese Gruppe bis zu ihrem Ende im Jahr 1996 auch weiterhin interessant machte, ist die Tatsache, daß sie nicht auf die Vorgaben ihrer Produzenten gehört, sondern ihre eigenen Vorstellungen verwirklich haben, daß sie den Erwartungshaltungen ihrer Fans widerstanden, daß sie sich trotz solcher Hits wie „Lola“ oder „Apeman“ und einer Vielzahl bekannter Songs bei ihren Live-Auftritten durch ihr Publikum nicht auf das monotone Repetieren ihrer Klassiker und somit auf den Status einer Oldie-Band festlegen ließen, sondern sich dieser Rollenzuschreibung ganz bewußt entzogen haben.

Doug Hinman präsentiert mit seiner faszinierenden Studie The Kinks – All day and all of the Night die Ergebnisse aus siebzehn Jahren intensiver Forschungsarbeit. Jedem Jahr ist ein einführender Text mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse vorangestellt. Symbole innerhalb des Textes verweisen auf Aufnahmen, Konzerte, Radiosendungen und Fernsehauftritte. Am Ende des Buches, für das ich mir mehr Abbildungen gewünscht hätte, befindet sich eine Übersicht der Radio Sessions von 1964 bis 1996, der TV Sessions von 1964 bis 1996, der Live Show Locations in alphabetischer Abfolge der Länder und Städte und ein alphabetischer Song Index. Doug Hinman lebt mit seiner Familie in Providence, Rhode Island; er ist Bibliothekar und Musiker und hat bereits 1994 eine Diskographie der Kinks mit dem Titel „You Really Got Me“ (Rock’n’Roll Research Press, 1994) vorgelegt. Außer über The Kinks hat Hinman eine Chronologie über Jeff Beck (Rock’n’Roll Research Press, 2000) geschrieben und ein Diary über The Yardbirds (Backbeat 2002) verfaßt.