08.08.2005

Schau rückwärts, Engel

von Eckhard Fürlus

A Million In Prizes – Iggy Pop – The Anthology

„Some singers in bands can do about one tour where they wreck it like Iggy Pop and then they have to pull back from either sheer pain or good sense. Iggy never pulls back. He is, quite simply, the best. This is fact, not opinion.“
Henry Rollins

Als die Süddeutsche Zeitung kürzlich eine Jahrbuchreihe zur Popmusik herausbrachte, war jedem Buch eine CD beigelegt. Die CD für das Jahr 1969 enthielt unter anderem eine Aufnahme von Velvet Underground und den Song „I Wanna Be Your Dog“ von The Stooges von ihrer ersten LP, die vom Ex-Velvet Underground Mitglied John Cale produziert wurde. Damals hat diese Musik kaum jemanden interessiert, und es dauerte nicht lange bis The Stooges auseinanderbrachen. Ihre zwei bahnbrechenden LPs hatten sie bis 1970 bereits bei Elektra veröffentlicht. Dann war Schluß. Hätten die Stooges mehr Zuspruch erfahren, wären sie – wie es Ron Ashton, der Gitarrist der Stooges, einmal in einem TV-Interview mutmaßte – womöglich die Rolling Stones der USA geworden.

Ein solches Schicksal ist den Stooges und mithin ihrem Sänger Iggy Pop alias James Newell Osterberg zum Glück erspart geblieben. Zwar gehörten auch die Rolling Stones der 60er Jahre zu den Gruppen, von denen The Stooges sich inspirieren ließen, aber ebenso auch Johnny Cash, Leonard Cohen, John Coltrane, Bob Dylan, die Doors, Serge Gainsbourg, Dale Hawkins, John Lee Hooker, Antonio Carlos Jobim, die Kinks, MC5, Carl Perkins, Elvis Presley, Sun Ra, Pharoah Sanders, Ravi Shankar, Archie Shepp, Frank Sinatra, Them, Velvet Underground, Howlin’ Wolf, Frank Zappa und die Mothers of Invention, die Jimi Hendrix Experience oder Cream. Der auf der LP „Fun House“ enthaltene Song „Dirt“ basiert auf eben jenem Bassriff, den Jack Bruce für „Born Under A Bad Sign“ auf dem 1968er Album „Wheels Of Fire“ von Cream verwendet.

Nach dem dritten Album „Raw Power“ und diversen bootlegs, darunter das legendäre „Metallic K. O.“, erschienen 1977 die beiden in Berlin von David Bowie produzierten Langspielplatten „The Idiot“ und „Lust For Life“ von Iggy Pop, zwei Seiten einer Medaille und das Resümee seiner Zeit in der geteilten Stadt Berlin. David Bowie ist auf diesen beiden Alben auch als Musiker dabei. Überhaupt ist interessant, mit wem sich Iggy Pop auf eine Zusammenarbeit eingelassen hat. Zu seinen Mitstreitern gehören außer den Stooges u. a. Kate Pierson von den B-52’s, Deborah Harry, Christ Stein und Clem Burke von Blondie, die Simple Minds, Glen Matlock von den Sex Pistols, Ivan Kral von der Patti Smith Band, Slash von Guns’n’Roses, Medesky, Martin & Wood. Und nicht zu vergessen: der Schlagzeuger Larry Mullins.

Nun, 36 Jahre nach 1969, ist es auch für Iggy Pop an der Zeit für eine Rückschau, und seit dem 18. Juli 2005 liegt eine Anthologie als Doppel-CD mit dem Titel – einem aus dem Song „Lust For Life“ entlehnten Zitat – „A Million In Prizes“ vor. Beide CDs versammeln jeweils 19 Songs in chronologischer Abfolge von „1969“ bis „Skull Ring“. Daß dies im wesentlichen die bekannten und bekannteren Songs – in diesem Fall von Iggy Pop, Iggy Pop und James Williamson, Iggy und den Stooges oder einfach nur den Stooges – sind, ist ein bei Anthologien gängiges Verfahren, das man bedauern kann. Andererseits dient es dazu, Iggy Pop einmal in seiner ganzen Bandbreite zu zeigen, und das ist bei der für diese Kompilation getroffenen Auswahl durchaus gelungen, denn sie ist alles andere als ausgewogen.

Die erste CD der Anthologie enthält Aufnahmen aus den Jahren 1969 bis 1977 und beginnt mit „1969“, gefolgt von „No Fun“ und „I Wanna Be Your Dog“, sämtlich Auskopplungen aus der ersten Stooges-LP von 1969. Leider begnügt sich die Anthologie, die fünf Songs des Albums „Raw Power“ auflistet, mit nur einem Titel aus dem großartigen „Fun House“ Album von 1970, nämlich „Down On The Street“, ein Song, der damals von dem Schallplattenlabel Elektra wegen eines erhofften kommerziellen Erfolgs als Single zusammen mit „Feel Alright (1970)“ als B-Side veröffentlicht wurde. Hier wäre die Möglichkeit gewesen, zu zeigen, wie sehr sich Iggy und die Stooges bereits Ende der 60er Jahre an Free Jazz orientiert hatten. Dokumentiert ist das in der von Ron Ashton so bezeichneten „Energy Freak-Out Freeform“-Aufnahme „L. A. Blues“, die sich nicht auf der Kompilation befindet. Liest man weiter auf der Tracklist der ersten CD mit den aus den Alben „Kill City“, „The Idiot“ und „Lust For Life“ entnommenen Songs, ist man versucht, sie wenigstens noch um „Dum Dum Boys“ und „Mass Produktion“ zu ergänzen.

Die zweite CD startet mit „Some Weird Sinn“von 1977 und endet mit „Skull Ring“ aus dem Jahr 2003. Bei den Tracks 8, 9 und 10 der zweiten CD handelt es sich um drei aufeinander folgende Lead songs, Songs also, die zur Zeit ihres Erscheinens jeweils eine CD oder Langspielplatte eröffneten. Diese sind „Real Wild Child (Wild One)“, „Cold Metal“ und „Home“. Aus dem Album „American Caesar“ von 1993 ist lediglich „Wild America“ auf der Doppel-CD enthalten. Von solchen einzelnen Auskopplungen wie „Wild America“ und „Down On The Street“ kann man natürlich nicht auf die CDs schließen, denen sie entnommen sind: „American Caesar“ oder „Fun House“, zwei wegweisende Alben mit völlig heterogenen Songs und die – mal ganz im Ernst – eigentlich in jeden Haushalt gehören. „Candy“ singt Iggy Pop im Duett mit Kate Pierson, und auf „Well, Did You Evah!“, dem Evergreen von Cole Porter, ist er mit Debby Harry zu hören. Zwei Live-Einspielungen aus dem Jahr 1993, „T. V. Eye“ und „Loose“, vermitteln wenigstens einen kleinen Eindruck von den Performance Qualitäten dieses unvergleichlichen und durch nichts zu bremsenden Energiebündels von einem Sänger.

Iggy Pop ist kein Traditionalist. Er hat recht, wenn er in dem Song „Lust For Life“ behauptet, er sei „just a modern guy“. Später hat er gesungen „I’m a conservative“, und beides geht bei ihm ganz gut zusammen. Modern und konservativ ist er in dem Sinne, daß selbst diejenigen seiner Songs, die vor mehr als 30 Jahren entstanden, heute noch so frisch, kraftvoll und dynamisch klingen, als seien sie erst gestern geschrieben worden.

„A Million In Prizes – Iggy Pop – The Anthology“ ist bei Virgin Records erschienen. Das booklet enthält detaillierte Informationen zu jedem einzelnen Song der CDs, einige unbekannte Fotos von Iggy Pop, eine Filmographie sowie Texte von Danny Fields und Lenny Kaye.