25.08.2005

Playing In The Band:
Grateful Dead, The illustrated Trip.

von Eckhard Fürlus

Die Edition Olms Zürich präsentiert einen voluminösen Bildband über 40 Jahre Grateful Dead und läßt keine Fragen offen.

„They’re not the best at what they do, they’re the only ones who do what they do.“
Bill Graham über Grateful Dead

Es war ein schöner und wirklich beglückender Augenblick, als Doc Schoko am 10. August 2005 im Anschluß an den Radio Hochsee Themenabend „Hunter S. Thompson und der Gonzo-Journalismus“ im Berliner Kaffee Burger die Lautsprecherregler aufdrehte und die ersten Akkorde des Songs „Touch Of Grey“ von der 1987er Langspielplatte „In The Dark“ von Grateful Dead erklingen ließ. Besser kann man das nicht machen. Zumal, weil sich tags zuvor der Todestag von Jerry Garcia zum zehnten Mal gejährt hatte. Die Edition Olms Zürich hat nun ein Buch in ihr Verlagsprogramm aufgenommen, das auf 480 Seiten und mit über 1000 Abbildungen und Illustrationen die Geschichte der Band Grateful Dead und deren Bandleader Jerry Garcia in allen Einzelheiten dokumentiert und bis in die hintersten Winkel so gründlich ausleuchtet, daß man versucht ist, beim Lesen dunkle Augengläser aufzusetzen.

„He was the guy who really sold the band, not me or Weir ...
Pigpen is what made the band work.“
Jerry Garcia über Ron „Pigpen“ Mc Kernan

Am 9. August 1995 starb Jerome „Jerry“ John Garcia, Gitarrist und Sänger der Gruppe Grateful Dead, im Alter von 53 Jahren im Serenity Knolls Krankenhaus in Forest Knolls in Californien an den Folgen jahrelangen Drogenmißbrauchs. Nachdem sein Tod bekannt geworden war, wurde auf Veranlassung des Bürgermeisters von San Francisco, Frank Jordan, die Fahnen öffentlicher Gebäude der Stadt auf Halbmast gehißt. Mit dem Tod von Jerry Garcia endete auch die Geschichte seiner Band Grateful Dead.

Geboren wurde Jerry Garcia am 1. August 1942 in San Francisco. Seine Leidenschaft für das Gitarrenspiel entdeckte er mit 15 Jahren, als er zum ersten Mal Chuck Berry hörte. Seine Karriere bei der US Armee endete bereits nach nur 9 Monaten mit seiner unehrenhaften Entlassung und Jerry Garcia begann ein Studium am San Francisco Art Institute. Nebenher spielte er Folk Music. Zusammen mit dem Sänger und Organisten Ron „Pigpen“ Mc Kernan und dem Gitarristen Bob Weir gründete Jerry Garcia 1964 die Mother McCree’s Uptown Jug Champions als Bay Area Jug Band. Im darauffolgenden Jahr kamen der Bassist Phil Lesh und der Schlagzeuger Bill Kreutzmann dazu. Dem Drängen Ron Mc Kernans nachgebend, tauschte die Band ihre akustischen Instrumente gegen elektrische, spielte bluesorientierte Songs und nannte sich fortan The Warlocks.

The Warlocks wurde die Hausband für Ken Kesey’s Acid Tests, öffentliche LSD Parties, die in San Francisco und Umgebung stattfanden, bevor die halluzinogene Droge verboten wurde. 1966 änderte die Band ihren Namen in Grateful Dead. Einem Ondit zufolge geht der Name auf eine Britische Folk Ballade zurück, in der ein menschliches Wesen einem Geist behilflich ist, seinen Frieden zu finden.

  • Jerry Garcia

Die Musik der Grateful Dead war zu jener Zeit eine Mischung aus Rock und Blues, R&B, Bluegrass, Blues, Country, Folk und Rock. Hört man die Gitarrensoli in den Aufnahmen „I Know You Rider“ von der Live-LP „Vintage Dead“ und „Sittin’ On Top Of The World“, einem Song des ersten Studioalbums der Gruppe, wird deutlich, wie sehr Jerry Garcias Gitarrenspiel von der Bluegrass Musik und dem Spiel auf dem Banjo geprägt ist. Einflüsse aus elektronischer und experimenteller Musik und namentlich von Komponisten wie Luciano Berio und Karlheinz Stockhausen dominieren die Alben „Anthem Of The Sun“ (1968) und „Aoxomoxoa“ (1969). In der zweiten Hälfte der 60er Jahre gaben Grateful Dead zahlreiche freie Konzerte; sie unterschrieben Plattenverträge bei MGM und Warner Brothers. Finanziert wurden Grateful Dead von dem LSD Chemiker Stanley Owsley, genannt „Bear“. In dieser Zeit waren Grateful Dead für ihre zum großen Teil improvisierte Musik ebenso bekannt wie für ihr großartiges Soundsystem. Ihre Konzerte konnten vier Stunden und länger dauern. Legendär sind ihre Auftritte bei den Festivals in Monterey und Woodstock. Grateful Dead und ihre Musik verkörperten das Lebensgefühl der amerikanischen Jugend, namentlich ihrer enthusiasmierten Anhänger, den Deadheads, die der Gruppe zu allen Konzerten nachreisten.

Bis 1970 veröffentlichten Grateful Dead die Alben „Grateful Dead“ (1967), „Anthem Of The Sun“ (1968), „Aoxomoxoa“ (1969), „Live Dead“ (1970), „Workingman’s Dead“ (1970), „American Beauty“ (1970); das Live Album „Grateful Dead“ von 1971 wurde ihr erster million seller. Zu ihren bekannteren Aufnahmen gehören Songs wie „Bertha“, „Dark Star“, „China Cat Sunflower“, „Cold Rain And Snow“, „Friend Of The Devil“, „I Know You Rider“, „Jack Straw“, „Playing In The Band’, „Ripple“, „Row Jimmy“, „Space“, „Terrapin Station“, „The Wheel“, „Touch Of Grey“, „Truckin’“, „Turn On Your Lovelight“, „US Blues“ und „Wharf Rat“. Ihre Live Auftritte bestritten sie häufig mit Gastmusikern, darunter Bob Dylan, Tom Petty, Suzanne Vega, Branford Marsalis und Pete Townshend. Jerry Garcia nahm mit anderen Bands Schallplatten auf, so z. B. mit Jefferson Airplane, Crosby, Stills, Nash & Young und den New Riders Of The Purple Sage. Mit dem Keyboarder Merl Saunders spielte er mehrere Jazz Rock Alben ein, und er gab 1988 ein Gastspiel auf der LP „Virgin Beauty“ des Jazzmusikers Ornette Coleman. Bluegrass und Country spielte Garcia weiterhin mit einer Gruppe namens Old & In The Way.

Seit kurzem verzeichnet die Edition Olms Zürich in ihrem Programm das 480 Seiten starke und in Zusammenarbeit mit Grateful Dead Productions produzierte Buch „Grateful Dead – The illustrated Trip“. Mit über 1000 Fotos und Illustrationen, den Abbildungen sämtlicher Albumcover, der vollständigen Auflistung ihrer Konzerte, aller Songtitel und der an den Einspielungen beteiligten Musiker, Persönlichkeiten wie Joma Kaukonen, David Grisman und Sandy Rothman, David Nelson, Janis Joplin, Bob Dylan und Betty Cantor-Jackson sowie unzähligen stichwortartigen Einträgen zu allen wichtigen Ereignissen und Institutionen wie z. B. „Pigpen’s Last Show“, „The Rex Foundation“ oder „The Diggers“ und „The Merry Pranksters“ ist dies das informativste und umfangreichste Kompendium zur mehr als 40jährigen Geschichte der Grateful Dead.
De mortuis nihil nisi bene. Die auf den ersten Seiten dieses opulenten Buches zu lesende, ausführliche Würdigung des ersten von Keyboarders und – das wird man wohl einräumen müssen – besten Sängers der Grateful Dead, Ron Mc Kernan, überrascht angenehm und ist frei von Sentimentalität. Mc Kernan, der nach einer Figur aus der Comic-Serie „Peanuts“ den Namen „Pigpen“ erhielt und am 8. März 1973 im Alter von nur 27 Jahren mit inneren Blutungen tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde, war für die Gruppe eine Art Anker; über ihn, der den synthetischen Drogen nichts abgewinnen konnte, behielten die übrigen Bandmitglieder bei ihren Drogenexperimenten den Bodenkontakt.

Durchzogen wird das Buch „Grateful Dead – The illustrated Trip“ von einer timeline; sie beginnt mit dem 15. März 1940, dem Geburtstag des Bassisten Phil Lesh und endet am 29. Juli 2003. Sieben Abschnitte gliedern das Buch von der Prä-Grateful-Dead-Ära ab 1961 bis hin zu einem vorläufigen Ausblick über das Jahr 2003 hinaus in eine ungewisse Zukunft, in der die verbleibenden Bandmitglieder als The Dead weiter konzertieren und Aufnahmen machen werden. Am Ende des Buches gibt es auf neun Seiten einen Index mit Personen- und Sachwortregister von „Aarhus, Denmark“ bis „Z.Z. Top“, Picture Credits und eine Bibliographie, die auch auf Quellen im Internet verweist.