Gerd Zacher
25.04.2006

Gerd Zacher

von Eckhard Fürlus

Die Orgelmusik von Juan Allende-Blin
Gerd Zacher, Orgelwerke

Von zwei CDs soll an dieser Stelle die Rede sein, die einer der großartigsten und bedeutendsten Organisten der Gegenwart eingespielt hat: den Aufnahmen der Orgelmusik von Juan Allende-Blin und den Kompositionen für Orgel des Interpreten Gerd Zacher. Beide CDs wurden an der 1968 erbauten Karl-Schuke-Orgel der Evangelischen Kirche in Essen-Rellinghausen eingespielt und sind mit Unterstützung der Kunststiftung NRW 2005 bei Cybele Records erschienen.

Juan Allende-Blin wurde 1928 in Santiago de Chile geboren und kam 1951 auf Empfehlung des Dirigenten Hermann Scherchen nach Hamburg. Aus dieser Zeit datieren die ersten Kompositionen Allende-Blins für Orgel, die immer auch die technischen Möglichkeiten des Instruments erweitert haben. Ziel des Komponierens ist für Allende-Blin, den Ausdruck seines Innenlebens aufzuzeichnen durch das Innenleben der Klänge. Beim Klavier interessiert ihn das Geschehen nach dem Anschlag eines oder mehrerer Töne. So hört man, wie sich die Klänge entfalten: die Obertöne werden hörbar, und im Abklingen kann man deren Abbau verfolgen. An dieser Stelle sei auf die Superaudio CD mit der Einspielung des Klavierwerks von Juan Allende-Blin durch den Pianisten Thomas Günther Cybele SACD 160.401 hingewiesen.

"Kein anderes Instrument erlaubt ein solches Drinnensein in der Musik wie die Kirchenorgel."
Gerd Zacher

Die CD mit der Orgelmusik von Juan Allende-Blin wird eröffnet mit dem dreisätzigen Zyklus "Echelons", einer Komposition, die Gerd Zacher gewidmet ist und an den Maler und Dichter Lothar Schreyer erinnern soll. Allende-Blin hat diesen Klangraum mit ultrachromatischen Tönen bewußt in seinem Umfang vom tiefsten bis zum höchsten Ton in bestimmten Proportionen gegliedert und außerdem den Zeitraum so gestaltet, daß sogar die Pausen im zweiten Satz dieser Komposition - wie die weiße Farbe in einem Bild - in bestimmten Proportionen auftreten. Diese Pausen will Allende-Blin nicht als bloße Negativstellen verstanden wissen, sondern sie sind vollwertiger Bestandteil seiner Musik. Klänge hat Allende-Blin einmal als das Ufer der Stille bezeichnet. Gerd Zacher schreibt dazu: "Während ich sein Orgelstück übte, erfand ich die zutreffende Interpretation, daß ich zwei volle langsame Atemzüge lang keine Taste berührte. Ohne einen solchen lebendigen Zusammenhalt würde man die Pause vernichten, so wie 'Bildung das Bild vernichtet, Gelehrsamkeit die Lehre, Gesinnung den Sinn, Erfolg die Folge, Liebhaberei die Liebe, Betriebsamkeit den Trieb' (Jakob Wassermann)."

Der Komposition "Mein blaues Klavier" stellte Juan Allende-Blin zwei Zitate voran, das eine ist von Else Lasker-Schüler, "... zerbrochen ist die Klaviatür", das andere ist von Franz Kafka und lautet: "Jeder Mensch trägt ein Zimmer in sich: diese Tatsache kann man sogar durch das Gehör nachprüfen. "Mein blaues Klavier" wird nur auf reduziertem Winddruck gespielt - mit Ausnahme einer kurzen Stelle. Mit variablem Tastendruck und nur spaltweisem Äffnen der Ventile wird das Anblasen der Pfeifen ständig differenziert. Im zweiten Teil des Stückes kommt ein Leierkasten hinzu mit einem beliebig ausgewählten Stück, das nur stoßweise gespielt wird, so daß die Melodie nicht erkennbar wird. Als drittes Blasinstrument ertönt schließlich eine Maultrommel; mit seinem menschlichen Atem verklingt das Stück. So entstehen hier "sons brisés": je größer die Anzahl der angeschlagenen Tasten, desto leiser und "gebrochener" hören sich die Klänge an. Heinz-Klaus Metzger schrieb über "Mein blaues Klavier" die folgenden Sätze: "Seit langem will ich ja diesem nicht nicht bloß die 'Gattungen', sondern auch die Kategorien sprengenden Gebilde einen Essai widmen, ereignet sich in dieser Musik doch der Zusammensturz der europäischen Zivilisation und vielleicht - dialektisch - ihre Rettung. ich bin wohl dem Thema noch nicht gewachsen." - 1951 komponierte Olivier Messiaen sein vielleicht einstes Meisterwerk: das "Livre d'orgue". Ein Jahr später wurde es von Messiaen selbst in Stuttgart uraufgeführt. 1952 schrieb Juan Allende-Blin seine "Transformations II" für Orgel, ohne die Komposition von Messiaen damals gekannt zu haben. Es entstand aus einem ähnlichen Wunsch wie das "Livre d'orgue" von Messiaen: den reinen Klang zu komponieren ohne Ablenkungen irgendwelcher Art. Aber Allende-Blin machte einen neuen Schritt: er bezog nicht nur die temperierten Töne ein, sondern auch die reinen, nicht temperierten Intervalle. So entstand eine Äffnung in Richtung auf einen ultrachromatischen Klangraum hin. "Transformations II" ist zwölftönig komponiert und enthält 144 Anschläge, angeordnet in zwölf Zwölftonreihen. Mit seiner sensiblen Rhythmik und einer nuancierten Palette von Klangfarben korrespondiert es mit den feinen Unterschieden in seinem System der Schwingungen. "Coral de Caracola" schließlich ist dem Andenken des Kompositionslehrers Pedro H. Allende-Saron gewidmet, einem Onkel des Komponisten Juan Allende-Blins und eines Freundes von Claude Debussy.

Die CD mit den Orgelwerken von Gerd Zacher beginnt mit den "Sieben Stationen eines Textes", die sich an den Bericht des Propheten Jeremias anlehnen. Dabei steht nicht so sehr die Schilderung der alttestamentlichen Ereignisse im Vordergrund, sondern die Verwandlungen, "die an dem Text geschehen, in einem anderen Raum zu einem anderen Zeitpunkt mit anderen Ohren gehört, anders formuliert oder gar vernichtet." Die zweite Komposition "SZMATY" ist Isang Yun gewidmet. "Vocalise" ist eine Studie für den Schwelltritt der Orgel, und das Stück "Diferencias", dessen Titel von spanischen Variationenzyklen übernommen ist, setzt sich mit den Konsequenzen des Variationsbegriffs auseinander. Anders als man vermutet, gibt es in diesem Stück jedoch kein Thema, sondern die Variationen durchdringen sich gegenseitig und schaffen so immer wieder neue Gestalten. Die "Realisation über John Cages Variations I" ist nicht die Variation eines von John Cage vorgegebenen Themas, oder wenn, dann nur in dem Sinne, daß der Zufall sein Thema war. Eine durchsichtige Folie mit etwa 40 Punkten und fünf Folien mit je einer Linie werden übereinander geworfen. Die Linien werden ernannt zu Koordinaten von Höhen, Dauern, Klangfarben und anderen Eigenschaften. Das ist dann die Partitur. Gerd Zacher wählte das Volle Werk der Orgel und versuchte, daraus alle Lautstärken von ppp bis fff durch veränderlichen Tastendruck hervorzulocken, auf den Ventilen wippend. Bei dieser riskanten Spieltechnik kommt es auf Bruchteile von Millimetern an. Es gilt aber sowohl was gelingt als auch was mißlingt. Mit der Kompostion "Re" wird ein Spektrum an Klangfarben erzeugt vom Hauchen bis zum Überblasen. Der Orgelton ruht auf einer tiefen Zungenpfeife, in deren Klang ein Krummhorn eingeblendet und dessen Ton hinauf- und hinabgestimmt wird.

Gerd Zacher wurde 1929 in Meppen an der Ems geboren. Er studierte in Detmold Komposition bei Günter Bialas, Dirigieren bei Kurt Thomas und Orgel bei Hans Heintze und Michael Schneider. Zu seinen Anregern gehören Stefan Wolpe, Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen. Zacher nahm Kurse bei Helmut Walcha und Olivier Messiaen. Von 1954 bis 1957 war Gerd Zacher Kantor und Organist in Santiago de Chile, anschließend an der Lutherkirche in Hamburg-Wellingsbüttel, wo er 1968 zum Kirchenmusikdirektor ernannt wurde. 1970 erhielt Gerd Zacher einen Ruf als Professor für Evangelische Kirchenmusik an die Folkwang-Hochschule in Essen. Zacher hat zahlreiche Chorwerke und Kompositionen für Orgel geschrieben. Legendär sind seine Einspielungen und Uraufführungen der Werke zeitgenössischer Komponisten wie John Cage, Mauricio Kagel, Olivier Messiaen, Isang Yun, Juan Allende-Blin, György Ligeti und Dieter Schnebel, aber ebenso seine Interpretationen der Musik Johann Sebastian Bachs, von denen hier nur "Die Kunst der Fuge" sowie "Die Kunst einer Fuge - Johann Sebastian Bachs 'Contrapunctus I' in zehn Interpretationen" genannt sein sollen. Darüber hinaus hat Zacher durch Seminare und eine rege Publikationstätigkeit die Bach-Interpretation maßgeblich und nachhaltig beeinflußt.

"Kein anderes Instrument", schreibt Gerd Zacher, "erlaubt ein solches Drinnensein in der Musik wie die Kirchenorgel." Denn nicht etwa das Gehäuse oder seine Fassade ist der Klangkörper, sondern das Gebäude mit seinen Wänden und Gewölberippen, in dem das Publikum sitzt und in dem das Instrument zum Klingen gebracht wird.

Hingewiesen sei schließlich auf das von Klaus Linder erstellte Werkverzeichnis Gerd Zacher, das 1992 ff. in der von Hanns-Werner Heister herausgegebenen Reihe Komponisten der Gegenwart, Edition Text u. Kritik, erschienen ist.

CYBELE Records