25.01.2001

Totales Kino und Paradiesmaschinen

von Nils Röller

Der Computer und die vernetzte Welt sind Rösslers Testwelten zur Erprobung der Paradiesmaschinen. Er experimentiert mit einer Skizze der antiken Stadt Lampsakus, in der sich über das Internet Menschen treffen mögen, die Lust am Wissen und am friedlichen Miteinander haben.

Stellen Sie sich einen endlosen Kinoabend vor: Der Film ist packend, er führt Sie in eine weite Landschaft, die nicht nur die Grenzen der Leinwand verschwinden läßt. Außerdem ist der Kinosessel so bequem, daß Sie Ihr Körpergewicht nicht mehr wahrnehmen und das Gefühl für die Zeit verlieren. Vielleicht kommt auch kein nächster Morgen mehr, da niemand den Projektor ausstellt. Dieses totale Kino kann in der Stadt Lampsakus stehen, die Otto Rössler in der vernetzten Welt der Computer für denkbar hält. Der Tübinger Wissenschaftler gewährt mit dem Buch "Flammenschwert" Einblick in mögliche Beziehungen zwischen der Quantentheorie und dem Alltag. Er ist mit seinen Recherchen Verzerrungen auf der Spur, die entstehen, wenn Welten aufeinander treffen, wie etwa die filmische Illusion und der Alltag.

Wie kann die Grenze zwischen einer Traumwelt und einer anderen bestimmt werden, wenn man keinen göttlichen Blick über beide Welten besitzt? Diese Frage Rösslers ist eine aktuelle medientheoretische Herausforderung, seitdem erwartet werden kann, daß die Techniken der Traummaschine Kino durch die Entwicklung der sogenannten Virtuellen Realitäts-Technologie radikalisiert werden können. "Zwischen 'virtueller Realität' (VR) und 'Kino' gibt es einen fundamentalen Unterschied. In dem Moment, wo ich die Welt nicht nur passiv wahrnehme (Film), sondern interaktiv mit ihr verbunden bin (VR), kann ich Wirkungen auf sie ausüben. Das versteht sich von selbst. Sobald jedoch diese wirkungshafte Verbindung geschlossen ist, ist auf einmal eine Kausalitätsumkehr - und sei sie noch so kurz in ihrer zeitlichen Auflöung - nicht mehr nur eine harmlose, rein sensorische Angelegenheit. Die immer wieder neue Wirkungsumkehr wird vielmehr zu einer Eigenschaft der gesamten Welt, die dieselbe in vielfältiger Weise umgestaltet".

Die Worte "Gestaltung" und "Verursachung" verweisen auf Rösslers Anspruch, Handlungsmöglichkeiten in dem Moment zu bestimmen, wo alles durch Täuschungsmaschinen beherrscht wird. Gibt es eine Chance, den Herrschaftsbereich der jetzigen Welt zu verlassen? Läßt sich herausfinden, wer im totalen Kino sitzt und wer von einem Filmvorführer abhängig ist, der nur vortäuscht, daß man Teil der Welt ist, die man auf der Leinwand zu sehen bekommt? Descartes rang im 17. Jahrhundert mit einer ähnlichen Frage. Er wollte sicher wissen, ob die Welt des Dreissigjährigen Krieges ihm vielleicht nur als Privattraum durch einen bösen Dämon - einen Täuschergott - vorgespielt wird. Descartes fand einen Trick, sich der Realität zu versichern, indem er nach schlüssigen Gesetzen Ausschau hielt. Diese schlüssigen Gesetze sind jedoch im 20. Jahrhundert durch die Quantentheorie erschüttert worden. Rössler arbeitet diese Erschütterung mit dem Ziel auf, eine "Paradiesmaschine" zu erdenken und zu erbauen. In die Konstruktionsarbeit bezieht er den französischen Philosophen Levinas ein, den biblischen Jakob und die Entdeckung der sogenannten "Pauli-Zellen". Anhand der Bewegung dieser Zellen führt Rössler aus, daß ein Beobachter aktiv Teilchen beeinflussen kann, die in weiter Distanz zu ihm stehen. Das bedeutet Macht. Es kann also sein, daß ein Beobachter gottähnlich über entfernte Teilchen entscheidet und damit Descartes' Täuschergott ähnelt. Die Paradiesmaschine ist eine Antwort auf diese Versuchung. Sie nutzt als Energie den buddhjstischen Wunsch, die Partikel in entfernten Welten möglichst wenig zu beeinflussen. Das Gegenteil ist die "Höllenmaschine", die von der Macht über andere Welten fasziniert ist.

Der Computer und die vernetzte Welt sind Rösslers Testwelten zur Erprobung der Paradiesmaschinen. Er experimentiert mit einer Skizze der antiken Stadt Lampsakus, in der sich über das Internet Menschen treffen mögen, die Lust am Wissen und am friedlichen Miteinander haben: "Das wichtigste jedoch ist die sonntägliche Stimmung, der Agorá-Charakter der sonnigen hellenistischen Stadt, der Park, das Flanieren, die Gleichberechtigung der Freien und das Asyl, das alle dort genießen. Der erneuerte Gedanke des Schutz der Aufklärung vor dem Zugriff der lokalen Gewalten ist der Grund für Rosen in seinem Logo".

Schnittflächen bedeutet für Rössler, spekulativ von subtilen Beziehungen zwischen dem Computernutzer und dem Computer auszugehen: "Denn die Schnittstellentheorie ist zugleich auch eine Bewusstseinstheorie. Bewußtsein, wenn es existiert, reflektiert automatisch die Eigenschaften der Schnittstelle, an die es angeschlossen ist ... Möglicherweise werden diese Überlegungen eines Tages ebenfalls medizinische oder Cyberspace-relevante Bedeutung erlangen". Der Physiker und Mathematiker Rössler entwickelt Möglichkeiten und Visionen. Dies prägt seinen Stil, der Freiräume öffnet, indem er Gedankenteilchen anregt. Denn es kann sein, daß die Welt tatsächlich ein Film ist, der uns vorgespielt wird, aber dann soll es wenigstens die Freiheit geben, eigene mentale Filme zu produzieren. Rösslers Schnittstellendenken akzentuiert durch diesen Anspruch den 8. und 9. Jahrgang der Reihe "Um Neun - Am Nerv der Zeit", in der Kulturwissenschaftler, Biologen und Soziologen über die Grenzen nachdenken, die durch Medientechniken entstehen. Zusammen mit Rössler sind nun "Der digitale Körper" (deutsch-englisch) von Arthur Kroker erschienen und "Im Brennpunkt des Wandels" (deutsch-französisch) von René Berger. Kroker und Berger umkreisen den Begriff der Technokultur, projizieren jedoch unterschiedliche Erwartungshaltungen auf die Datenordnung des Internets. Der Kunsthistoriker Berger sieht das Internet als Bauplatz für elektronische Museen. Ihr Besucher muß nicht den Körper bewegen, sondern kann vom heimischen Computer aus, Bilder in fernen Ländern besuchen. Berger erhofft die Erweiterung vertrauter Bildungserlebnisse, denkt jedoch leider nicht über die technische Struktur der vernetzten Computer nach. Sie aber führt gegenwärtig zu der völlig Überlastung des Internets. Denn es sind gerade die aufwendigen Bilddateien, deren Versendung zu Staus im Internet führen und die den Gang in das elektronische Museum zur Geduldsprobe werden lassen.

Der Kanadier Arthur Kroker spekuliert über die Zukunft des Körpers in der vernetzten Welt. Anhaltspunkte bieten ihm transsexuelle Frauen, "Afroamerikaner, die sich vor Bildschirmen drängen, auf denen japanische Krieger zu sehen sind und die Null-Bock-Vertreter der Generation X". Doch auch sie sind nur Vorboten der neuen digitalen Wunderwelt, weil sie noch zwischen gewohnter Körperlichkeit und der Datenwelt schwanken, in der Menschen und Maschinen verbunden sind. Der kabellose Körper ist "Schauplatz der entscheidenden politischen und ethischen Konflikte an der Schwelle zum 20. zum 21. Jahrhundert". Im Visier hat Kroker dabei nicht die menschlichen Kriegsmaschinen in den religiösen Konflikten im Balkan, Vorderen Orient oder Afrika, sondern "Datenreisende, denen es gelingt, das Internet in einen reizvollen Ort zu verwandeln, an dem die Teilchenmengen der verfügbaren Daten sich zu einem neuen Körpertypus vereinen". Eine andere Körperlichkeit wird in den Laboren von "Xerox" in Kalifornien geprobt: "Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Konzerns tragen 'Tab Dogs' winzige computerisierte Sensoren, die telemetrisch mit Cybersensoren verknüpft sind. Überwachungskameras gleich, sind die Sensoren an den Decken der Büros und Gänge befestigt ... Xerox übernahm das Konzept der elektronischen Handschellen für Strafgefangene in Halbfreiheit und machte es zum Hauptprinzip der elektronischen Büroeinrichtung des 21. Jahrhunderts". Kroker schreibt einen entschiedenen Jargon, indem sich die Textstrategien Baudrillards widerspiegeln. Ähnlich wie der Franzose reagiert der jüngere Kanadier auf die rasanten Veränderungen der Medientechnik, indem er Analyse und poetischen Ausdruck miteinander mischt. Die Hintergründe von Krokers Beobachtungen bleiben dabei dem deutschen Publikum verborgen. Das ist bedauerlich, weil Kroker gemeinsam mit seiner Frau Marielouise seit Jahren engagiert für eine Reform der Soziologie eintritt und in der internationalen Mediendebatte bekannt ist als Herausgeber der anspruchsvollen elektronischen Zeitschrift "CTheory" und eigentlich andere Gedankengänge öffnen könnte. CTheory verzichtet auf Bilder und wie das etwas jüngere Forum "net.time" beweist diese Publikation im Internet, daß in elektronischen Datennetzen kritische Reflexion möglich ist. Diese Internet-Foren kommen dem hektischen Getriebe und Gerangel auf der antiken Agora nahe. Aber im Gegensatz zu öffentlichen Plätzen kostet der Zugang Gebühren. Leider vergessen die Beiträger zur Technokultur die grundlegenden ökonomischen Bedingungen, die vermutlich in Form von steigenden Gebühren dafür sorgen, daß das Internet bald Besser-Verdienenden einen bevorzugten Platz an der kommunikativen Sonne bietet. Warum sollte auch etwas preiswert bleiben, mit dem man soviel Geld verdienen kann wie mit dem totalen Kino?