08.10.2002

Nachruf auf die Verlegerin Heidi Paris (1950-2002)

von Nils Röller

Er begann als Kollektiv und er hat sich mit dem Beginn der jahrzehntelangen Zusammenarbeit von Heidi Paris und Peter Gente wie kein anderer Verlag in Deutschland, um den internationalen Diskurs zwischen Politik, Ästhetik und Philosophie verdient gemacht.

Ein Frosch, der in einem Wasserglas schwimmt, wird ohne Widerstand zu leisten, den Hitzetod erleiden, wenn man die Wassertemperatur langsam bis zum Siedepunkt erhöht. Anders ein Frosch, den man in sehr heisses Wasser fallen lässt. Er wird versuchen, das für ihn lebensgefährliche Medium zu verlassen. Dem „Posthistorisches Management“ von Dirk Baecker (Berlin 1994) ist dieses Bild entnommen, das Unternehmensberater benutzen, um die Effizienz von Betrieben zu erhöhen. Sie wird erhöht durch die Fähigkeit, Veränderungen wahrzunehmen, bevor sie gefährlich werden und zum Kollaps des Systems führen. Diese Fähigkeit kann ein System trainieren, indem es lernt, Risse und Bruchstellen als Chancen zur Veränderung wahrzunehmen. Der Merve-Verlag zeichnet sich durch die Bildung dieser Wahrnehmungs- und Lebenskunst aus. Er begann als Kollektiv und er hat sich mit dem Beginn der jahrzehntelangen Zusammenarbeit von Heidi Paris und Peter Gente wie kein anderer Verlag in Deutschland, um den internationalen Diskurs zwischen Politik, Ästhetik und Philosophie verdient gemacht. 2001 wurde dem Verlag der Kurt-Wolff-Preis für seine hervorragende Arbeit verliehen.

Freunde nahmen von Heidi Paris Abschied. Sie hat nun den Freitod gewählt. Mit selbstverfassten Texten ist die Verlegerin nicht in Erscheinung getreten, diskret und eher aus praktischen Gründen, vermutlich, weil keine anderen Bilder zur Verfügung standen, ist sie auf einigen wenigen Photos gemeinsam mit den Autoren des Verlags zu sehen. Ein Kennzeichen der Merve-Bücher, von denen mit D. Holland-Moritz „Lovers Club“ 247 bis dato erschienen sind, ist, dass meistens, aber nicht immer ein Bild der Autoren auf der Innenseite des Umschlags publiziert wird. In der Veröffentlichung der Akademie Schloss Solitude, die Gracians „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ (Klugheitslehre; militia contra malicia, Berlin 1995) gewidmet ist, sieht man Heidi Paris, die zwischen den teilnehmenden Referenten und Künstlern steht und ein glänzendes gestreiftes Kostüm trägt. Ihr Haar ist hochgesteckt. In dem Band von Michel Foucault „Diskurs und Wahrheit“ (Berlin 1996) trägt sie auf dem Photo ihr langes blondes Haar offen. Ihr Haar und die Sponti-Kluft, die sie manchmal trug, haben im Dezember 1977 dazu geführt, dass Foucault und sein Lebensgefährte Daniel Defert von der Berliner Polizei verhaftet und mehrere Stunden festgehalten wurden. Das Personal eines renommierten Berliner Hotels hatte Paris, die gemeinsam mit Defert, Foucault und Gente im Frühstücksraum diskutierte, für die steckbrieflich gesuchte Inge Viet gehalten und die Polizei auf die kleine Gruppe hingewiesen.

[...] und haben dabei ein Verlagskunstwerk geschaffen, das als Orakel der medialen Gesellschaft lesbar ist, einer Gesellschaft, in der nichts unvermittelt ist, durch die trotz und wegen der Vermittlungsanstrengungen Risse und Spaltungen gehen, die es auszuhalten gilt.

Foucault und Deleuze: Den Hinweisen dieser Autoren sind die beiden Merves nachgegangen und haben dabei ein Verlagskunstwerk geschaffen, das als Orakel der medialen Gesellschaft lesbar ist, einer Gesellschaft, in der nichts unvermittelt ist, durch die trotz und wegen der Vermittlungsanstrengungen Risse und Spaltungen gehen, die es auszuhalten gilt. Beschrieben werden diese Spaltungen zum Beispiel in Deleuzes Ausführungen zu der Erzählung „Der Knacks“ von F. Scott Fitzgerald (Berlin 1984) oder in „Bartleby oder die Formel“ (Berlin 1994). Es sind Texte, die das Bewusstsein der Leser schwanken, taumeln und jauchzen lassen, weil sie „in einer Art Fremdsprache geschrieben sind“, in die man sich verliebt und sie ständig wiederholen möchte. Bartleby ist ein kleiner Held aus einer Erzählung von Herman Melville, ein ohnmächtiger Gegenentwurf zum berühmten „Diktator“ Ahab, den die Weltliteratur längst im Unterschied zu dem obdachlosen Büroangestellten Bartleby gut kannte. Bartleby ist erst durch Deleuze und durch Merve in Deutschland ein Held geworden.

„Sympathie als Heldengabe“ (Gracian) für die unbequemen Helden, den Sekretär Bartleby, den gefoppten Aktaion und die grossen Reisenden, die wie der auf der Stelle reisende Deleuze mit Melville gedanklich ständig irgendwohin aufbrechen oder Jean Grenier, der nach Indien reiste und über die Anmut des Denkens schrieb oder Sympathie für den früheren Handelsgehilfen, Archäologen und Japanfahrer Heinrich Schliemann, zeichnet die Wahl bestimmter Texte aus, besonders seit Mitte der neunziger Jahre, dem Zeitraum, in dem Paris ihren Partner Gente einer Verabredung gemäss öfter lange alleine reisen liess und vornehmlich die harte Alltagsarbeit im Verlag schulterte. Schliemann beschreibt 1865 bei seinem Besuch in Japan, eine Ökonomie im Umgang mit Erdbeben. Sie betrifft den Hausbau: „Zwischen den Längs- und Querbalken lässt man eine Fuge von einer bestimmten Breite, damit sich die Balken bei Erdbeben bewegen und ausdehnen können“ und auch die Haushaltsführung: „die japanischen Häuser sind mit keinerlei Möbeln ausgestattet... Hier in Japan erkennt man aber, dass nahezu alle Bedürfnisse, die wir in Europa für zwingend halten, künstlich erzeugt worden sind... Welche Ermutigung zum Heiraten würde es bedeuten, wenn durch Übernahme dieser schönen japanischen Gewohnheiten die Eltern von dem Zwang befreit wären, für die Einrichtung ihrer Kinder aufzukommen“ (Heinrich Schliemann: Reise durch China und Japan im Jahre 1865, Berlin 1995). Ständig der Möglichkeit eintretender Katastrophen, Freitod, Sucht und Sehnsucht schlicht und elegant gegenwärtig zu sein, so stehen die Bände des Verlags dar. Wie nun mit dem Ereignis leben, dass ein Samurai hervorragender Theorie das Medium verlassen hat, in dem wir weiterleben?

„Man erfasst die ewige Wahrheit des Ereignisses nur, wenn sich das Ereignis auch ins Fleisch einschreibt, aber jedes Mal müssen wir die schmerzhafte Wirkung wiederverkörpern und dadurch begrenzen, voll ausspielen und verwandeln... Und für uns heisst das, weiterzugehen, als wir geglaubt haben, gehen zu müssen“, schreibt Deleuze. Die Kunst der kleinen Hilfen, wie man sich zur Not mit einem Glas Wasser betrinken kann; wie man von Jabés lernen kann, die Zwischenräume, die bei U-Bahnfahrten entstehen, dem Schreiben und der Fahrt in den Orient zu widmen und immer wieder an die besondere japanische Ökonomie zu denken, das sind einige der Konstruktionen, die helfen, das Ereignis auszuhalten. Hinweise darauf sind in den Büchern der beiden Merves zu finden.